Von Gerhard Fels

Die schärfste Rezession der Nachkriegszeit scheint hinter uns zu liegen. Sie verlief glimpflicher als die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, hatte aber mit jener gemein, daß sie in ihrer Schärfe und in ihren Auswirkungen nicht vorhergesehen worden ist. Mit ähnlich Schlechtem Gewissen wie damals macht sich die Wirtschaftswissenschaft heute daran, die Krisenursache zu analysieren. War doch am Vorabend der Rezession der Glaube an die Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit der wirtschaftlichen Entwicklung stärker denn je. Ernüchterung ist eingetreten. Das Theoriengebäude, aus dem heraus die Wirtschaftspolitik operiert, muß überprüft werden.

Auf den ersten Blick läßt sich die Krise mit der weltweiten Inflationsbeschleunigung, den spektakulären Preiserhöhungen bei Erdöl und anderen Rohstoffen und der sich daran anschließenden konzertierten Bremsaktion der Industrieländer recht gut erklären. Bei näherem Hinsehen scheint sie jedoch mehr gewesen zu sein als eine besonders scharfe Stabilisierungskrise. Das zeigt sich schon daran, daß eine Rückkehr zu Beschäftigungsverhältnissen, wie sie vor der Rezession geherrscht haben, heute in kaum einem der westlichen Industrieländer erwartet wird. Der weltweite Aufschwung, der Mitte 1975 einsetzte, inzwischen aber ins Stocken geraten ist, hat die Unsicherheit nicht beseitigen können, die die Rezession vor allem bei den Investoren hinterlassen hat. Der Beschäftigungseinbruch ist nirgendwo nur annähernd wieder wettgemacht worden. Auch sind die chronischen Zahlungsbilanzsorgen, unter denen vor allem wichtige europäische Länder leiden, durch die Rezession nicht beseitigt worden. Weltinflation und Weltrezession haben in fast allen Ländern einen Sockel von Problemen hinterlassen, die den Fortgang des Aufschwungs belasten und durchaus dazu führen können, daß der Wachstumstrend sich abflacht.

Kein unentrinnbares Schicksal

Wenn das richtig ist, kann sich die internationale Rezession von 1974/75 als jene Zäsur erweisen, die eine langanhaltende, Phase kräftigen Wachstums von einer Phase der Wachstumsschwäche trennt, in der immer wieder Krisen auftreten und Stabilitätsprobleme wirtschaftlicher wie politischer Art die Regierungen vor schier unlösbar erscheinende Aufgaben stellen. Man braucht nicht gerade die Katastrophentheorie des Club of Rome zu bemühen, um zu solchen Schlußfolgerungen zu gelangen. Schon die Schumpetersche These, daß der kapitalistische Entwicklungsprozeß in langen Wellen, sogenannten Kondratieff-Zyklen, mit Aufschwungs- und Abschwungsphasen von jeweils 25 bis 30 Jahren Dauer verläuft, vermittelt ein hinreichend pessimistisches Bild. Man könnte nämlich schließen, daß die Weltwirtschaft zu Beginn der siebziger Jahre den oberen Wendepunkt eines solchen Kondratieff-Zyklus durchlaufen habe und für den Rest des Jahrhunderts eine entsprechende Abschwungsphase bevorstehe. Die meisten Ökonomen halten diese Krisentheorie wohl zurecht für abwegig. Veränderte politische und soziale Bedingungen, die Lernfähigkeit der Menschen und Selbstheilungskräfte der Wirtschaft sprechen dagegen, daß die wirtschaftliche Entwicklung nach einem ein für allemal vorprogrammierten Schema verläuft. Freilich müssen Lernprozesse und Selbstheilungskräfte gegebenenfalls unterstützt werden.

Welcher Art sind diese strukturellen Änderungen, die zur Rezession beigetragen haben und die künftige Entwicklung belasten? Am bedeutsamsten scheint zu sein,

  • daß in allen wichtigen Industrieländern die Investitionsdynamik erlahmte und sich dadurch ein latender Mangel an Arbeitsplätzen herausgebildet hat, der mit den Mitteln der Konjunkturpolitik allein nicht mehr zu beseitigen ist, und
  • daß die Fähigkeit der Industrieländer, Strukturwandel zu verkraften – auch und vor allem als Folge fehlender Wachstumsimpulse und einer zu geringen Innovationsneigung – nachgelassen hat, gleichzeitig aber den Bedarf an Strukturwandel auf Grund arbeitssparender Rationalisierungsmaßnahmen und eines Vordringens von Niedriglohnländern zugenommen hat.