Seit den fünfziger Jahren hat es die Situation nicht mehr gegeben, daß die Vollbeschäftigung wegen unzureichender Sachkapazitäten nicht möglich war. Vorsichtige Schätzungen zeigen, daß über die Beseitigung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit hinaus fast eine Million zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, wenn wieder Vollbeschäftigung erreicht werden soll. Selbst ein gewaltiger Nachfrageboom könnte also unter heutigen Bedingungen nicht jedem Arbeitssuchenden wieder einen Arbeitsplatz verschaffen (es sei denn, man dehnte die Schichtarbeit in bisher noch nicht gekanntem Maße aus).

Die Arbeitsplatzlücke läßt sich zwar schließen, aber erst im Zuge von Erweiterungsinvestitionen, die erfahrungsgemäß nur dann getätigt werden, wenn ein hohes Maß an Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Umwelt besteht. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit dagegen kann beseitigt werden, ohne daß erst zusätzliche Investitionen vorgenommen werden müssen. Einen vorhandenen Arbeitsplatz bei sich belebender Nachfrage wieder zu besetzen, erfordert keine schwerwiegende Entscheidung, denn diese Entscheidung ist kurzfristig revidierbar. Eine Investitionsentscheidung bedeutet dagegen eine Festlegung auf viele Jahre, die insbesondere dann nur zögernd getroffen wird, wenn die Absatzerwartungen durch Strukturwandel verunsichert sind oder das künftige Verhalten der Gewerkschaften und der wirtschaftspolitischen Instanzen schwer prognostizierbar erscheint.

Die Angebotsseite fördern

Die Unterscheidung zwischen konjunktureller und nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit ist von großer wirtschaftspolitischer Tragweite, weil sie den Blick auf die Angebotsseite der Volkswirtschaft lenkt. Im bisherigen Konzept der Globalsteuerung blieb die Angebotsseite weitgehend unberücksichtigt, konnte auch vernachlässigt werden, weil sich bis zur Krise hier keine Engpässe zeigten. Heute kann man nicht mehr der These vertrauen, daß die Angebotsprobleme bei ausreichender Nachfrage wieder rasch von selbst verschwinden werden. Dazu ist die Angebotslücke inzwischen zu groß geworden.

Ob in Zukunft die Nachfrage überhaupt ausreichend sein wird, hängt in hohem Maße davon ab, ob von der Angebotsseite genügend Impulse ausgehen. In der Zeit des Keynesianismus hat man sich daran gewöhnt, daß der Staat für die Nachfrage zu sorgen habe. Die Wirtschaftsgeschichte kennt aber viele Phasen, in denen die primären Expansionsimpulse vom Angebot ausgingen, von neuen Gütern und Produktionsverfahren, die spontan hervorgebracht wurden und sich den Markt selbst schufen. Wenn der Strukturwandel bewältigt werden soll, dann hat man sich dies vor allem über solche Innovationen vorzustellen.

Dazu bedarf es nicht nur risikobereiten Kapitals und risikobereiter Unternehmer. Dazu muß die Wirtschaftspolitik auch die Rahmenbedingungen schaffen. Wie das geschehen könnte, hat der Sachverständigenrat in einem Programm der wachstumspolitischen Vorsorge gezeigt, das eine stärkere staatliche Beteiligung am Neuerungsrisiko und den Kosten des Strukturwandels vorsieht.

Angebotspolitik ist Wachstums- und Strukturpolitik, das sind Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, daß das Produktionspotential in seinem Wachstum und seiner Struktur zu den wirtschaftspolitischen Zielen paßt. Hierzu muß erst das statistische und analytische Instrumentarium erarbeitet werden, das noch weit von dem Stand entfernt ist, der etwa auf dem Gebiet der Konjunkturdiagnose erreicht ist. Die Bundesregierung hat einen ersten Schritt getan, indem sie die großen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute mit Vorstudien zu einer umfangreichen Strukturberichterstattung beauftragt hat.