Ein Ausweg aus der Unterbeschäftigung, die die Krise hinterlassen hat, wird von vielen kritischen Beobachtern der Wirtschaftspolitik in einer Verkürzung der Arbeitszeit gesehen. Dahinter verbirgt sich häufig ein Wachstumspessimismus, der sich auch auf die Probleme der Umwelt und der Energieversorgung stützt. Die Gesellschaft ist frei, darüber zu entscheiden, wie sie den Produktivitätsfortschritt verteilen will, ob in Form von Einkommen oder Freizeit. Diese Entscheidungen werden bei uns in Tarifverhandlungen getroffen.

Umsonst ist die Arbeitszeitverkürzung freilich nicht. Sie fordert nicht nur Verzicht auf an sich mögliche Lohnerhöhungen, sondern verursacht zusätzliche Kosten, wenn dadurch die Produktionsanlagen und die Qualifikationen der Arbeitskräfte schlechter genutzt werden. Auch die soziale Sicherung wird für den einzelnen teurer, wenn sie nicht schlechter werden soll. Diese Kosten entstehen nicht, wenn die Arbeitslosigkeit durch mehr Wachstum beseitigt wird.

Die Gewerkschaften haben sich zu einer solchen Strategie der forcierten Arbeitszeitverkürzung bisher nicht herbeilassen mögen. Aus gutem Grund vermutlich. Denn diejenigen, die für eine beschäftigungspolitisch begründete Arbeitszeitverkürzung eintreten, übersehen allzu leicht, daß die Mehrheit der Beschäftigten nach Gütern strebt, die bisher nur für besser verdienende Schichten selbstverständlich sind.

Langfristige Lohnstrategie fehlt noch

Im Bereich der Geld- und Fiskalpolitik hat die Krise zu einer mittelfristigen Orientierung beigetragen. Die weltweite Inflationsbeschleunigung und der daran anschließende Produktionseinbruch, hat die kurzfristige Globalsteuerung entzaubert. Je mehr Investoren und Gewerkschaften in realen Größen rechnen, das heißt keine Geldillusionen mehr haben, um so weniger ist es möglich, Wachstum und Beschäftigung über inflatorische Nachfragexpansion auch nur kurzfristig positiv zu beeinflussen.

In der Bundesrepublik ist die Geldpolitik 1975 zu einer mittelfristig orientierten Geldmengensteuerung übergegangen, nicht ohne Erfolg bei der Inflationsbekämpfung. Die Haushaltspolitik hat die Konsolidierungsaufgabe 1976 sehr ernst, fast zu ernst, genommen, auch im Hinblick darauf, daß anhaltend hohe Defizite den Kapitalmarkt belasten und private Investitionen verdrängen.

Woran es noch fehlt, ist eine mittelfristige Orientierung in der Lohnpolitik. Solange die künftige Lohnentwicklung unsicher bleibt und ein erneuter Verteilungskampf nicht ausgeschlossen ist, unterbleiben sonst mögliche Erweiterungsinvestitionen. Zu den jetzt praktizierten Konzepten der Geld- und Haushaltspolitik würde es jedenfalls passen, wenn sich die Tarifparteien im Anschluß an die gegenwärtige Lohnrunde auf eine langfristige Strategie einigten.