Von Marion Gräfin Dönhoff

Afrika war jahrhundertelang eine Domäne Europas. Vor 25 Jahren hatte die Sowjetunion keine einzige diplomatische Vertretung südlich des Mittelmeeres, heute stehen etwa 17 afrikanische Staaten in dieser oder jener Weise unter russischem Einfluß. Soeben hat Staatspräsident Podgorny mit drei Flugzeugen und 120 Mann Begleitung – unter ihnen Minister und hohe Militärs – die Staaten Tansania, Sambia und Moçambique besucht.

Zur gleichen Zeit. bereiste auch der Global-Revolutionär Castro den afrikanischen Kontinent. Er erntete, wie alle Beobachter berichten, sehr viel stärkeren Applaus als sein großer Bruder. Kein Wunder, denn schließlich hat er in seiner großen Güte kubanische Soldaten und militärische Berater über den ganzen Kontinent verteilt: 13 000 Soldaten und 4000 Berater allein in Angola, etwa 1000 Berater in Kongo-Brazzaville, in Sierra Leone 200, in Guinea 400, in Guinea-Bissau 300, in Moçambique 1000, in Tansania und Somalia je etwa 500.

Überall an den Grenzen der noch heute weißen Gebiete werden Freiheitskämpfer, Guerrillas und Terroristen an tschechischen und russischen Waffen ausgebildet. Und in den zurückliegenden Wochen drangen schwarze Soldaten, offenbar unter kubanischer Führung und sicherlich nicht ohne russische Zustimmung, von Angola aus weit hinein in die reichste Provinz des Kongo: Katanga.

Der sowjetische Einfluß, der in den frühen sechziger Jahren in Guinea an der Westküste Afrikas begann, spannt sich heute im großen Bogen über Mali nach Norden, hat Algerien und Libyen erfaßt, greift im Osten auf die arabische Halbinsel über, wo der Südjemen und Aden feste Stützpunkte bieten, und schwingt dann über Somalia, Äthiopien, Tansania, Mocambique und Sambia zurück nach Angola an der Westküste Afrikas. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß heute die Hälfte Afrikas unter sowjetischem Einfluß steht. Das Stichwort, unter dem diese Entwicklung möglich wurde, hieß "Antikolonialismus". Das Hauptinstrument, das der Kreml einsetzte, waren Waffenlieferungen.

Nun muß man aber einschränkend feststellen, daß der Prozeß, der auf diese Weise in Gang gesetzt worden ist, den Keim zu seiner Umkehrung bereits in sich trägt. "Gebranntes Kind scheut Feuer" – kolonialisiertes Kind scheut Kolonialismus. Die durchaus rassistischen Russen erinnern in ihrer autoritär-imperialistischen Art die argwöhnischen Afrikaner an ihre ehemaligen Kolonialherren. Darum verwies Ägypten im Sommer 1972 die Sowjets allesamt (20 000 Mann) des Landes.

Eine weitere Schwierigkeit, auf die die Sowjets in vermehrtem Maße stoßen, je weiter sie ihren Einfluß ausbreiten, erwächst ihnen aus den afrikanischen Urfehden. So wird es auf Dauer nicht leicht für sie sein, die neuen Herrscher Äthiopiens von ihrer herzlichen Freundschaft zu überzeugen, weil Moskaus Uralt-Schützlinge, die Somalis, die gegen Äthiopien gerichtete Freiheitsbewegung Eritreas unterstützen.