Von Hans C. Blumenberg

Der ältere Herr, der sich unter dem Namen Kenneth Miliar in das Gästebuch des Hotels Eden au Lac am Zürcher See eingetragen hatte, wirkte betont unauffällig. Mit seiner leisen Stimme, diskreten Umgangsformen und dem europäisch-konservativ geschnittenen grauen Anzug hätte man ihn leicht für einen Universitätsprofessor kurz vor der Emeritierung, vielleicht auch für einen Geistlichen halten können. Sein Begrüßungslächeln war sanft, fast melancholisch, später, bei einem langen Spaziergang am See, schaute er.selbstverloren spielenden Kindern und Hunden nach. An einem Bootssteg beugte er sich plötzlich hinab, um die Temperatur des Wassers zu prüfen. Er sagte, er wolle bald nach Kalifornien zurückfahren.

Vor über dreißig Jahren hat Kenneth Miliar tatsächlich an einer Universität gelehrt, an der University of Michigan in Ann Arbor, wo er mit einer Arbeit über Samuel Taylor Coleridge auch promoviert hatte. Der Zweite Weltkrieg unterbrach sein beschauliches Dasein als Dozent für englische Literatur, er diente als Nachrichten-Offizier bei der Marine im Pazifik. Nach dem Krieg, ließ er. sich in Kalifornien nieder, in Santa Barbara, drei Autostunden nördlich von Los Angeles. Dort wohnt er heute noch, dort erfand er 1949 jene literarische Figur, die ihn berühmt machte: den Privatdetektiv Lew Archer, so benannt nach dem "Ben Hur"-Autor Lew Wallace und Miles Archer, dem Partner von Dashiell Hammetts "private eye" Sam Spade in "Der Malteser Falke". Lew Archer besitzt die gleichen Initialen wie die Stadt, in der er lebt und arbeitet: L. A., Los Angeles.

Als Kenneth Millar für seinen fünften Roman "The Moving Target" den mit 50 Dollar am Tag mehr schlecht als recht bezahlten Schnüffler Lew Archer ausdächte, publizierte er schon unter dem Pseudonym John Ross Macdonald. Der Familienname war seit 1941 von seiner ebenfalls Kriminalromane schreibenden Frau Margaret Miliar okkupiert, und es dauerte etliche Jahre, bis Kenneth Millar alias John Ross Macdonald alias Ross Macdonald die literarische Reputation der Autorin von "Do Evil in Return" und "Vanish in an Instant" erreichte. Ohne seine Frau wäre er selber wohl auch kaum auf die Idee gekommen, sich ausgerechnet als "Mystery Writer" zu versuchen, in einem Genre, dem er als Halbwüchsiger eine eher herablassende Parodie mit dem Titel "The South Sea Soup Company" und einem Detektiv namens Herlock Sholmes gewidmet hatte.

Heute gilt Ross Macdonald als Meister des amerikanischen Kriminalromans. Und das heißt in einem Land, in dem weniger orthodox zwischen E- und U-Literatur unterschieden wird als bei uns: Ross Macdonald ist einer der wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Schriftsteller. Die "New York Times Book Review" bespricht seine Bücher stets auf der ersten Seite, "Newsweek" widmete ihm 1971 beim Erscheinen des Romans "The Underground Man" eine Titelgeschichte, und Anthony Boucher, der verstorbene Kritiker-Papst der Kriminal-Literatur, befand, Ross Macdonald sei ein besserer Schriftsteller als Raymond Chandler und Dashiell Hammett: ein nach wie vor umstrittenes Urteil, dem nicht zuletzt Chandler heftig widersprochen hätte, der seinem jungen Kollegen Macdonald 1949 "Angeberei in der Satzbildung und in der Wortwahl" und "stilistischen Mißbrauch der Sprache" vorgeworfen hatte. Chandler kam nach der Lektüre von "The Moving Target" zu dem Schluß: "Ich glaube, daß gewisse Schriftsteller unter dem Zwang stehen, in gesuchten Phrasen zu schreiben, um einen Mangel an natürlicher, animalischer Emotion auszugleichen."