Von Horst Bieber

Woher weiß die Zeitung, was sie weiß? Mit dieser zwar verblüffenden, aber bei einigem Nachdenken berechtigten Frage beginnt ein Buch, das – so steht zu fürchten – außerhalb der Journalistenkreise wenig Interessenten finden wird. Zu Unrecht, weil der kritische Leser und Nichtjournalist darin einige Erklärungen für unerklärbare Ungereimtheiten seiner Zeitung finden kann; zu Recht, weil es ein typisches insider-Buch ist, von einem Nachrichtenmann für Nachrichtenredakteure geschrieben. Fügen wir hinzu, daß Band II dieses "Reports über Nachrichtenagenturen" ein größeres Publikum verdiente, weil darin einiges über die Bedeutung der Nachrichten-Vermittlung in Vergangenheit und Gegenwart ausgebreitet wird.

Hansjoachim Höhne: "Die Situation auf den Nachrichtenmärkten der Welt"; Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1977; 224 Seiten, 22,90 DM; und "Die Geschichte der Nachricht und ihrer Verbreiter"; ebd. Baden-Baden 1977; 184 Seiten, 22,90 DM, beide Bände zusammen 40,– DM.

Höhne ist ein alter Fuhrmann, Redakteur bei der Deutschen Presseagentur (dpa), und wie aus fast jeder Zeile seiner Bücher zu lesen, ein Nachrichten-Händler, der aus dem Waren-Charakter der "Neuigkeit" bestimmte Folgerungen ableiten Die Nachricht muß gut sein – will heißen: richtig nachgeprüft und nachprüfbar sein, sie muß Neuigkeitswert haben ("Hund beißt Mann" besitzt solchen Wert nicht, "Mann beißt Hund" schon eher). Sie muß in sich abgeschlossen, also in sich verständlich sein, und schnell an den Verbraucher gebracht werden. Darüber hinaus muß sie Objektivität besitzen – sicherlich die am schwersten zu erfüllende Bedingung – und im Kontext anderer Meldungen eine Widerspiegelung der Realität sein. Letzteres zumindest ist eine Forderung der freien Presse; aber die Freiheit der Presse – Höhne deutet es nur an – leidet zur Zeit an Schwindsucht in fortgeschrittenem Stadium.

Denn Nachricht im weitesten Sinne, also die Übermittlung von Tatbeständen, ist ein Politikum ersten Ranges. Die kommunistischen Staaten und allzu viele Länder der Dritten Welt haben dies erkannt und die neutrale (oder kühn formuliert: die objektive) Nachrichtenbeschaffung eingeschränkt; Indien ist das letzte, in der Öffentlichkeit etwas bekanntere Beispiel. Die "Welt in der Zeitung" hat daher schon Informationsschlagseite; hinzu kommt, daß die unvermeidliche Auswahl der Neuigkeiten nach den Gesichtspunkten getroffen wird, was den Bezieher interessiert, was dieser als relevant für sich, seine Leser, damit für seinen Staat, seine Gesellschaft, sein politökonomisches System betrachtet. Die in der Einzelmeldung noch steckende Objektivität "leidet" an der Subjektivität, mit der ihre Umgebung ausgesucht wurde.

Höhne ist sich dieses Mangels bewußt, und er sieht auch genau die Ursache – die Kommerzialisierung der Nachricht, ihren Warenwert. Aber er zeigt immer wieder, daß jenes "Angebot und Nachfrage" die bislang beste "Garantie" für Objektivität ist. Von dieser Überzeugung aus unternimmt er den Versuch, die Technik und Organisation der Nachrichtenvermittlung rund um die Welt darzustellen. Was er dabei an Zahlen und Fakten zusammenträgt (gelegentlich auch an Kuriosa), lohnt die Lektüre auf jeden Fall. Anzumerken wäre, daß größere Systematisierung und eine etwas ausführlichere Darstellung der technischen Hilfsmittel den Informationswert erhöht hätten.

In verstärktem Maße gilt das für den historischen Teil. Höhne sieht die Geschichte der Nachrichtenvermittlung zu unkritisch als eine logische Entwicklung auf den heutigen Typus der Agenturen zu, was sie mit Sicherheit nicht war. Es wäre einiges nachzutragen über den Zusammenhang von Informationsfreiheit (auch -Schnelligkeit) und politischer Aktivität. Ergänzungsbedürftig ist auch die Darstellung jenes Dilemmas, in das der nach-merkantilistische Staat geriet – schnelle, Zutreffende Wirtschafts- und Handelsdaten: ja, genaue politische Informationen: lieber nicht. Der Autor beschreibt zwar detailliert, wie wann wo welche Nachrichtendienste entstanden, aber das "Warum" kommt oft zu kurz. Und schließlich fehlt ein Kapitel über die Schwierigkeit der Nachrichtensuche – ist nur das, was freiwillig veröffentlicht wird oder in der Öffentlichkeit geschieht, eine Nachricht? Oder wie weit reicht die Pflicht des Nachrichtensammlers, den Hintergrund aufzuklären, und sei es auch gegen den Willen der Betroffenen?

Höhnes Doppelbuch reizt zum Lesen mit dem Rotstift, zum Fragezeichen-Malen in der Hoffnung, daß eine zweite, erweiterte Auflage sie beantwortet.