Von Helmut Heißenbüttel

Es wird sich gar nicht so viel geändert haben. In der Bundesrepublik Deutschland war die FDP/SPD-Koalition in der 39. Legislaturperiode an der Regierung; Allerdings hatte sich seit langem das Stärkeverhältnis zugunsten der FDP stabilisiert. Großeuropa unter Einschluß der früheren sogenannten Ostblockstaaten hatte sich in einem labilen Gleichgewicht erhalten, das von der Polarisierung in Volksrepubliken (Niederlande, Frankreich, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Rumänien, DDR und andere) und liberale Demokratien (Skandinavien, England, Schottland, Irland, BRD, aber auch, infolge der Abwanderung der Hegemoniebestrebungen der UdSSR nach Osten und in Weiterentwicklung des Prager Frühlings und der Charta 77, die Tschechoslowakei). In diesem Polarisationszustand gab es eine große Zahl sehr unterschiedlicher Bündnisse, die in der Lage waren, auftauchende Konflikte aufzufangen.

Zwei der kurioseren Beispiele: Nach der aufsehenerregenden Ermordung des Nachfolgers des damaligen Leiters der bayrischen CSU (Christlich-Soziale Union) erklärte dessen Stellvertreter in einem Staatsstreich Bayern zum Stellvertreter Freistaat. Dieser Akt wurde durch die noch wirksame Intervention der UdSSR legalisiert. Bayern schloß sich jedoch eng an die Republik Österreich an. Diesem Bündnis wiederum folgte später die Schweiz. Als das Interesse der UdSSR sich dann endgültig von Europa weg den ungeheuren Kriendgültig des Ostens und des pazifischen Raums zuwendete, benutzte die DDR den Anschluß an das Dreierbündnis, um seine staatliche Unabhängigkeit zu bewahren. Schließlich hängte sich auch die BRD dieser Vereinigung an, um so, wie manche linke Kritiker behaupten, hinten herum so etwas wie ein Großdeutsches Reich zu restituieren. Dieses Gebilde wurden, der deutschdeutsch-deutsch-deutsch-deutsche Bund genannt. Auf der anderen Seite gab es zum Beispiel den nordeuropäischen Agrargürtel, der sich quer zu den Staatsgebilden von Flandern und Holland über Ostfriesland und Dänemark bis zur polnischen Ostseeküste hinzog.

Ideologisch herrschte im atlantischen Bereich, das heißt: Europa, Afrika und den Oststaaten, Süd- und Nordamerika, ein kapitalistisch modifizierter Marxismus, der von dem großen Synkretisten des 21. Jahrhunderts, dem Russen Optowaja Torgowlja, nach den Theoretikern Joseph Alois Schumpeter, Arthur-Fridolin Utz, Slawomir Mrozek und Milton Friedman mit Vorliebe SUMF-Marxismus genannt wurde. Währungseinheit war das Fiktivgeld, das statistisch. reguliert (beziehungsweise irreguliert) wurde durch den Fiktivwert von ungeheuren und immer weiter anwachsenden Mengen von Gold und Edelsteinen, die, seit es gelungen war, sie ohne Rest aus den Abfällen der Atomkraftwerke zu synthetisieren, in riesigen Behältern rund um die Kraftwerke gelagert waren, die daher im Volksmund auch Goldmühlen genannt wurden. Manches klappte genausowenig wie zu Zeiten der seligen EG. Die weitaus größte Gruppe der Arbeitnehmer wurde von den FL gestellt, den floating workers, hervorgegangen aus den Gastarbeitern, die ausgezeichnet organisiert waren und außerordentlich effektiv eingesetzt werden; konnten. Seit dem großen BE-Knick (der Brechung der Bevölkerungsexplosion) und der damit zusammenhängenden Mischkampagne im 21. Jahrhundert nahm die Bevölkerungszahl im gesamten atlantischen Bereich kontinuierlich ab und, Unterschiede der Hautfarbe spielten keine Rolle mehr. Statt von einem schwarzen müßte man heute von einem beigen Erdteil sprechen (zu Lasten der Imperialisten wie der alten Stammeskulturen). Der Gesundheitsdienst arbeitete zu 90 Prozent therapeutisch. Der Club der Hundertjährigen hat nach letzten Meldungen die 5-Millionen-Grenze überschritten. Der Gebrauch von privaten Verkehrsmitteln war fast völlig in Vergessenheit geraten. Ein dichtes elektrisch betriebenes Verkehrsnetz überzog die bewohnten Gebiete des atlantischen Bereichs. Diese Entwicklung war, auch volkswirtschaftlich, möglich geworden, seit in einem weitgespannten und komplizierten Vertragswerk sich alle Staaten des Bereichs bereit erklärt hatten, Verkehrs-, Post-, Wohnungshaushalte in den Verteidigungshaushalt einzubringen; die immer wieder zu verschrottenden Waffensysteme wurden abgelöst durch solche, die von vornherein auf ihre spätere zivile Weiterverwendung hin entworfen wurden; es war gelungen, alle großen Autofirmen auf diese Mischproduktion umzustellen.

Im Grunde aber hat sich das labile Gleichgewicht im großen atlantischen Bereich deshalb erhalten lassen, weil die konservierten Staatsgebilde nur so etwas wie Regionalverwaltungen darstellten, die wahre Macht aber, in den Händen überregionaler Gremien lag; die eigentlichen Entscheidungen wurden und werden getroffen von Organisationen, Clubs und Räten. So gab es den obersten Volksrat, der aus den früheren Gewerkschaften hervorgegangen war und seine Macht immer noch durch die altbewährten Warnstreiks demonstrierte. Es gab aber auch den obersten Rat der Bürgerrechts-, Bürgerinitiativen und Landkommunenbewegung, der am Ende des 21. Jahrhunderts vor allem in Afrika große Anhängerscharen gefunden hatte. Das labile Gleichgewicht wurde aber auch dadurch bewahrt, daß sich im Nahen Os’ten nach der letzten schrecklichen selbstmörderischen militärischen Auseinandersetzung um 2000 ein fester Riegel gebildet hatte dadurch, daß die Auseinandersetzung sich auf theologisches Gebiet rückverlagert hatte; militante Israelis waren zum Islam, arabische Herrscherhäuser zum Judentum bekehrt worden. Schließlich stand dem labilen Gleichgewicht des atlantischen Bereichs der Dauerkonflikt im gesamten südindisch-pazifischen Bereich gegenüber. Seit langem herrschte hier Dauerzensur, ersetzten Gerüchte die Information, lösten Aufstände, Kriege und Bürgerkriege einander ab. Allein die Dauerpräsenz der gesamten militärischen Macht der USA und der UdSSR hat die weltweite Katastrophe verhindert.

Der atlantische Bereich aber wurde bestimmt durch das, was seit der großen synkretistischen Bewegung des 21. Jahrhunderts der atlantische Gedanke genannt wird. Er basierte auf Mehrsprachigkeit, die pädagogisch als Fortsetzung der Alphabetisierung angesehen wurde. Dialekte und Regionalismus unterlagen, sozusagen als Gegengewicht zur Vermischung, immer wieder einer schubweisen Konservierung; die Opposition im Bundestag der BRD, die CKU (Christlich-konservative Union, früher, vor der Abspaltung Bayerns, CDU) hatte zum Beispiel zeitweise ihre Anträge auf alemannisch und plattdeutsch vorgetragen. Im künstlerischen Bereich, in den auch Unterhaltung und Leistungssport aufgegangen sind, herrschte ein Prinzip, das in seinen ersten Entwürfen auf einen bundesdeutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Heißenbüttel, zurückgeführt wurde. Es beruhte auf der Annahme zweier scheinbar entgegengesetzter Bewegungen. Die eine heißt Kunst für alle und wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert, abgekürzt KfA oder einfach KA. In ihr findet ein ununterbrochener Strom von den Erfindungen zur Popularisierung und Nutzanwendung hin statt. Die Annahme der anderen Bewegung beruhte auf der Beobachtung, daß die originalen Erfindungen statistisch nur einer kleinen Gruppe, die aber soziologisch mehrdeutig ist, zugänglich werden; diese Bewegung heißt Leute für Kunst, abgekürzt LfK oder einfach LK. In Theroie und Praxis, und darin beruht eigentlich der Rückhalt des atlantischen Gedankens, wurde nun ein Kreislauf zwischen beiden Bewegungen konstruiert und erfolgreich in Gang gehalten; dessen Prinzip heißt Kunst-für-Alle-Leute-für-Kunst, abgekürzt KALK.

Kulminationspunkt und in mancher Weise Ausdruck und Motor dieses Prinzips KALK sind die in siebenjährigem Abstand abgehaltenen atlantischen Festwochen, die abwechselnd vor der Küste Portugals auf riesigen künstlichen Inselplattformen im Atlantik oder vor der Küste Floridas im Golf von Mexiko abgehalten werden. Sie werden AOEIU-Feste genannt, was einige Archäologen als eine Verbindung und Vokalreduzierung vonAphrodite und Woodoo ansehen, was aber wohl in Wahrheit ein Vokalisen-Sprachspiel darstellt. In diese AOEIU-Feste ist alles mögliche eingegangen, sowohl alte und uralte Karnevalüberlieferungen (römischer Karneval Karneval von Rio). wie die Happening- und Aktionistenbewegung des 20, Jahrhunderts, Festspielideen, Festivalbewegungen, Olympische Spiele, aber auch eine Synkretion aus Nudisten, Flitzern und Swingern. Das Ritual, das befolgt wird, stammt eher aus diesem Bereich; es ist entwickeltes dem Buch "Joy of sex", vom amerikanischen Bestsellerautor des 20. Jahrhunderts namens Comfort. Der Text ist natürlich psychoanalytisch, sprachspieltheoretisch und verhaltenstheoretisch aufbereitet. Integriert sind auch die weit verbreiteten Schulen jener Künstler, die mit semantisch besetzten und der anderen, die mit freien Strukturen arbeiten. Der höchste Grad synkretistischer Vereinigung zeigt sich in der Musik; alles, was je aufgezeichnet oder zu Gehör gebracht worden ist, wird gespielt. Texte dagegen werden schon immer gern aus altertümlichen Bereichen gewählt. Lange war die "Hallelujawiese" von Arno Holz beliebt mit dem mein Herz "Auf seiner Hallelujawiese duldet mein Herz keinen Schatten." Als Beispiel für einen langjährigen Hit der Höhepunkt einer Dialektpassage: "Göbberiguschke! Stock din Kruschke! Wöbberiwuschke! Ön min Puschke! Stripp din Spölzke! Ön min Pölzke! Stremm din Splitzke ön min Schlitzke! Prems din Spitzke ön min Ritzke! Tödderitöll! und hall stöll! Bölleriböll! As God wöll!" Ziel und Höhepunkt der Feste bestand und besteht in der vollkommenen Entblößung in einem allgemeinen orgiastischen Wirbei, der sich über den eigentlichen Festbereich wellenförmig auf das gesamte atlantische Gebiet ausbreitet. Fernsehübertragungen, die bekanntlich nicht mehr von Bildschirmen, sondern von abgrenzbaren und polarisierbaren Gasgebilden aufgenommen werden, verstärkten den Effekt. Die Rate der Todesfälle, die sich von Anfang an ereigneten, war nicht einzudämmen, und man hat sich jetzt daran gewöhnt, diesen Toten, in Anlehnung an antike und archaische Gebräuche, einen besonderen Status zuzuerkennen, der sie über alle anderen erhebt. Die Nähe von Tod und Eros, die der große Bataille lehrte, ist tief im atlantischen Gedanken verankert.