Wie Sylvester Stallone von einem Niemand zu einem Jemand wurde

Von Hans C. Blumenberg

Vor zwei Jahren noch fragten die Leute ungläubig Jimmy Who?", inzwischen ist der! Mann Präsident der Vereinigten Staaten. Im unaufhaltsamen Aufstieg des Jimmy Carter aus Georgia vollzog sich exemplarisch der alte "American Dream", der längst totgesagte Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem es jeder zu etwas bringen kann, vorausgesetzt, daß er sich nur energisch genug darum bemüht, Jimmy Carter glaubt an diesen Mythos, schließlich hat er ihn selber gelebt. "Ich habe keinen neuen Traum", sagte der 39. Präsident der USA bei seiner Amtsübernahme im Januar, "wir brauchen dringend einen frischen Glauben an den alten Traum." Im Amerika des Jimmy Carter grassiert ein kollektiver Optimismus, dessen populistische Wurzeln nicht von ungefähr an Franklin Delano Roosevelts "New Deal" der dreißiger Jahre erinnern, Vietnam und Watergate scheinen fast schon vergessen, und die alten Träume verkaufen sich besser denn. je.

Der erste große Kinoerfolg der Ära Carter reflektiert sehr anschaulich die gewandelte Stimmung im Lande: "Rocky", die simple Geschichte eines Niemand, der ein Jemand wird, ein billig produzierter Außenseiterfilm mit einem völlig, unbekannten Hauptdarsteller und Drehbuchautor namens Sylvester Stallone, wird nach vorsichtigen Schätzungen rund vierzig Millionen Dollar einspiele er wurde soeben als "bester Film des Jahres" ausgezeichnet, und Regisseur Avildsen erhielt den "Oscar". Und was Jimmy Carter im großen gelang, machte Sylvester Stallone auf Hollywoods niveau nach: den gewaltigen Sprung "from rags to riches" oder, wenn man es klassisch will, "per aspera ad astra", vom obskuren Kleindarsteller zum Superstar, der sich vor Angeboten der großen Studios kaum noch retten kann. Sylvester Stallone und "Rocky" – ein amerikanisches Märchen, Cinderella 1977, sentimental und romantisch.

Stallone, geboren und aufgewachsen in einem New Yorker Slumviertel, besitzt den muskulösen Leib eines Body-Building-Adepten und die unendlich traurigen Augen eines herrenlosen Bernhardiners. Er ist kein sonderlich subtiler Schauspieler, kein neuer Brando oder Dean, aber der brennenden Intensität, mit der er in "Rocky" die Leinwand geherrscht, merkt man an, daß hier einer buchstäblich um seine Existenz spielt. Ursprünglich sollte ein etablierter Star vom Kaliber eines Burt Reynolds oder James Caan die Rolle des kleinen Boxers spielen, der unverhofft die Chance zu einem Weltmeisterschaftskampf mit dem Champion aller Klassen bekommt, doch der Drehbuchautor Stallone verkaufte sein Skript nur unter der Bedingung, daß er sein eigener "Rocky" sein durfte. Er mußte es schaffen, mußte gut sein, sonst wäre der Traum von der großen Karriere schon im ersten Anlauf unwiderruflich dahin. gewesen. So vermittelt die Übereinstimmung zwischen Biographie und Fiktion dem Film seine eigentümliche Überzeugungskraft, die auch noch die märchenhaftesten Züge dieser Boxerballade realistisch erscheinen läßt. Wenn Rocky beim Training im Kühlhaus eines Schlachthofs wie besessen auf blutige Rinderhälften eindrischt, erscheinen der mörderische Elan der Figur und des Schauspielers deckungsgleich, auswechselbar. Die Redensart "Sichdurchboxen" bekommt eine unmittelbar sinnliche Dimension.

Im klassischen Hollywoodkino war der Boxkampf stets auch eine Metapher für den Lebenskampf. Paul Newman brachte das als Rocky Graziano in "Somebody Up There Likes Me" (Die Hölle ist in mir, 1956) von Robert Wise auf die bündige Formel: "Wo sonst als beim Boxen kann ein Typ wie ich etwas werden? Was ist besser? fernen, Verhungern oder Boxen?" Wer nicht clever genug ist zum Stehlen, nicht apathisch genug das Verhungern, dem wird das Boxen zu einer Chance, die fixierten Regeln des sozialer Aufstiegs mit Leberhaken zu unterlaufen. Das ist auch so im schönsten aller Boxerfilme, Robert Rossens "Body and Soul" (1947) mit John Garfield, das ist so in Mark Robsons "Champion" (1949) mit Kirk Douglas, und auch in Raoul Walshs "Gentleman Jim" (1942), wo Erroll Flynn den graziösesten aller Faustkämpfer spielte. Audie Murphy spielte 1956 in einem Boxerfilm mit dem bezeichnenden Titel "World in my Corner". "Rocky", ein Film, in dem es nur zwei Boxkämpfe zu sehen gibt einen kurzen zu Beginn und einen langen, sehr brutalen am Ende –, schließt an diese Tradition an, Doch die sozialdarwinistischen Züge des Genres, früher meist beherrschend, reiben – und brechen sich hier an einer rührenden Liebesgeschichte. Der bei aller Kraft doch recht melancholische Märchenprinz aus dem verkommensten Viertel von Philadelphia wirbt um seine Märchenprinzessin, eine Verkäuferin in einer Tierhandlung, die sich vom häßlichen Entlein mit struppigem Haarschopf und strenger Brille zu einer amerikanischen Schönheit wandelt. Zwischen den beiden Liebenden – Talia Shire spielt das Mädchen Adrian – gibt es einige sehr zärtliche, traumverlorene Szenen: ein abendlicher Ausflug in eine menschenleere Eislaufhalle, die erste Nacht in Rockys verwahrlostem Junggesellenzimmer. Aber Stallones Sentimentalität ist nie stickig und verlogen wie die der "Love Story", sie. spiegelt mit authentischer Naivität die utopischen Sehnsüchte des Helden und seines Erfinders, bis hin zum Ende, als Rocky nach dem großen Kampf die Reporter abwimmelt und nur noch Augen für sein Mädchen hat.

Über den Rummel um Sylvester Stallone vergißt man allzu leicht, daß nicht er "Rocky" inszeniert hat, sondern der in Deutschland bislang kaum bekannte John G. Avildsen, dessen Film "Save the Tiger" mit Jack. Lemmon (der dafür einen "Oscar" gewann) vor einiger Zeit in unseren Programmkinos zirkulierte. In "Rocky" erweist sich Avildsen als aufmerksamer Schüler von Martin Scorsese, kopiert geschickt, wenn auch nicht sonderlich brillant, den nervösen, vitalen Stil von "Mean Streets" und "Taxi Driver". Mit seiner beweglichen Kamera tastet er die triste Asphalt- und Neonwelt der Metropole Philadelphia ab und beweist doch genug Einfühlungsvermögen, um Stallones Entwurf eines modernen Märchens intakt zu lassen.

"Rocky", so scheint es, wird eine ganze Welle von Sport- und Boxerfilmen aus Hollywood auslösen, die zusammen mit den vielen neuen Kriegsfilmen das Gesicht des amerikanischen Kinos 1977 prägen dürften. Mit Robert de Niro in der Hauptrolle bereitet Martin Scorsese den Boxerfilm "Raging Bull" vor, Martin Ritt dreht "Casey’s Shadow" (Der Champion) mit Walter Matthau und auch eine Komödie mit dem Arbeitstitel "Knockout" steht auf dem Programm. Muhammad Ali, noch einer, der den alten amerikanischen Traum erfüllt hat, porträtiert sich selber in "The Greatest" (Regie: Tom Gries) und auch andere Sportarten kommen nicht zu kurz: "Semi-Tough" mit Kris Kristofferson und Burt Reynolds beschäftigt sich mit American Football, um Eishockey geht es in "Slapshot" mit Paul Newman. Daß alle diese Filme im ersten Jahr der Präsidentschaft von Jimmy Carter aus Plains in Georgia gemacht werden, ist gewiß mehr als ein Zufall. Amerika faßt wieder Tritt, und in der Kommunion der Sportarenen, in denen sich Aufsteigerträume handgreiflicher erfüllen als irgendwo sonst, läßt sich optimistisch von einer besseren Zukunft träumen.