Demokratien brauchen nicht nur eine gute, ausgewogene und funktionsfähige Verfassung. Sie brauchen nicht nur Staatsbürger, die vom Wert ihrer Institutionen überzeugt sind. Sie bedürfen der Entwicklung einer demokratischen "politischen Kultur" – von Verhaltensweisen der sachlichen Diskussionsbereitschaft und menschlichen Toleranz, des Respekts vor dem Gegner und des Bemühens um das gemeine Wohl inmitten des politischen Kampfes. Solche Verhaltensweisen bilden sich oft nur in langen Zeiträumen heraus; in einer modernen Massendemokratie ohne alte parlamentarische Tradition sind sie schwer zu erwerben. Wenn unsere zweite Republik, an deren Wiege eine beispiellose Katastrophe stand, verhältnismäßig schnell begonnen hat, eine integrierende Tradition in diesem Sinne zu schaffen, so ist das weitgehend das Verdienst einiger weniger bedeutender Politiker. Unter ihnen nimmt Fritz Erler eine hervorragende Stellung ein.

Die meisten, die sich heute, zehn Jahre nach seinem tragisch frühen Tod, an Erler erinnern, haben ihn vor allem als beispielhaften Parlamentarier vor Augen, dessen umfassende Sachkunde, intellektuelle Brillanz und humaner Umgangston der sozialdemokratischen Opposition im Bundestag schon lange wachsende Aufmerksamkeit verschaffte, bevor er in den letzten Jahren seines Lebens auch ihr offizieller Führer wurde. Man gedenkt der zwingenden Logik, mit der Erler immer bemüht war, die andere Seite zu überzeugen, und deren Zwang er auch selber unterlag – er war unfähig, einem guten Argument demagogisch auszuweichen. Er war ein lebendiger Beweis, daß politische Leidenschaft und Sachlichkeit einander nicht ausschließen müssen – wie Sachlichkeit die politische Wirkung nicht beschränken muß: Vieles spricht dafür, daß er sich auch innerparteilich gegen anfängliche Widerstände nicht zuletzt durch die Wirkung seiner von Rundfunk und Fernsehen übertragenen Bundestagsreden durchgesetzt hat.

Es ist vielleicht das größte Verdienst der mit etwas. erschöpfender Gründlichkeit dokumentierten Biographie Hartmut Soells, daß er dieser sichtbaren parlamentarischen Leistung Erlers die weniger weithin sichtbare, aber nicht weniger wichtige innerparteiliche Leistung an die Seite gestellt hat. Sie liegt vor allem auf zwei Gebieten: In der Durchsetzung der aktiven sozialdemokratischen Mitarbeit an der Wehrverfassung wie des eindeutigen Bekenntnisses zur Verteidigung des demokratischen Staates auch nach außen und im erfolgreichen Kampf um die Erneuerung der innerparteilichen Führungsstruktur um 1957/1958, die für die programmatische Erneuerung des Godesberger Parteitags von 1959 und für die Kanzlerkandidatur Willy Brandts seit 1960 erst den Weg bahnte.

In der Wehrpolitik, in der Erler und-seine Freunde zunächst gegen den Strom schwammen – man denke an seine und Willy Brandts Niederlage auf dem Berliner Parteitag 1954 –, ist Erlers konsequenter Einsatz entscheidend gewesen. Sein Motiv war die gleiche Entschlossenheit, die Wiederkehr der Weimarer Kluft zwischen der organisierten Arbeiterschaft und den Streitkräften der Republik zu verhindern, die Georg Leber noch vor kurzem so eindrucksvoll bekundet hat.

In der Führungsfrage hat er seine Autorität in der Bundestagsfraktion zunächst nach der Wahlniederlage von 1957 benutzt, um gemeinsam mit Herbert Wehner und Carlo Schmid der Fraktion einen Vorstand zu geben, der – nach einer von einen immer wieder zitierten Lieblingswendung Erlers – sich nicht mehr mit "recht haben" begnügen wollte, sondern zu immer neuen aktiven und konstruktiven Anstrengungen entschlossen war, um auch "recht zu bekommen". Zusammen mit den gleichen Verbündeten und mit Willy Brandt, den er einmal seinen "politischen Zwilling" nannte, hat er dann auf dem Stuttgarter Parteitag von 1958 eine entsprechende Erneuerung der Parteiführung durch Schaffung eines politischen "Präsidiums" an Stelle des traditionellen "Büros" der hauptamtlichen Mitglieder durchgesetzt. Das Signal, das mit dem demonstrativen Bekenntnis des Godesberger Programms zum demokratischen Staat der Bundesrepublik und zu ihrer Verteidigung gegeben würde, war die kombinierte Frucht beider Anstrengungen.

Dieses Signal von Godesberg war die Krönung von Erlers und seiner Mitkämpfer Bemühen um die demokratische Integration. Es war zugleich die Voraussetzung für die spätere Möglichkeit der Großen Koalition wie für den ihr folgenden friedlichen Machtwechsel, der die entscheidende Probe auf die Wirksamkeit der Integration bildete – die Voraussetzung auch dafür, daß ein Staat, der selbst von allen Teilen seiner Bevölkerung akzeptiert war, Später schließlich die ihm von den weltpolitischen Kräfteverhältnissen zugewiesene internationale Stellung akzeptieren konnte.

Erler selber hat die Entscheidung für die Größe Koalition nur noch – zustimmend – vom Krankenlager aus, den Machtwechsel dann nicht mehr erlebt. Er schien durch seine Leistungen und Fähigkeiten wie durch seine vorzüglichen internationalen Kontakte für eine herausragende Stellung im Falle einer Regierungsbeteiligung seiner Partei bestimmt. Es ist die Tragik seines Lebens, daß ein Mann, der in seiner Grundhaltung zur Politik das war, was sein Freund und früher Mentor Carlo Schmid einen "Realisateur" zu nennen pflegt, zum Verwirklichen seiner politischen Konzepte nur partiell aus der Oppositionsrolle heraus beitragen konnte.