Wie ein Spiegelbild im Wasser bei einer Bö an Deutlichkeit einbüßt, so verändert sich zur Zeit das traditionelle Bild von Till Eulenspiegel. Neueste Forschung bezweifelt, daß Eulenspiegel, der in Kneitlingen bei Braunschweig geboren und in Mölln im Jahre 1350 (an der Pest) gestorben sein soll, überhaupt der war, als den man ihn kannte: der lustige Narr etwa des Kinderbuchs, der mutterwitzige Possenreißer, ein Bursche drastisch-selbstgefälliger Respektlosigkeit vor Respektspersonen.

Der Münsteraner Historiker Bernd Ulrich Hucker hat vor anderthalb Jahren eine Entdeckung gemacht und eine frappierende Korrektur propagiert. Man hatte bis dahin geglaubt, das älteste bekannte Volksbuch vom Eulenspiegel sei der hochdeutsche Straßburger Druck von 1515. Und man hatte angenommen, daß diese Ausgabe auf eine Lübecker niederdeutsche Urfassüng von 1478 zurückgehe. Nur hatte die Theorie einen "Schönheitsfehler". Von der niederdeutschen Edition war kein Exemplar nachweisbar.

Hucker ersteigerte Ende 1975 in Hamburg (bei Hauswedell und Nolte) für 6000 Mark ein "Volksbuch von Till Eulenspiegel", das er mit 1510/11 datiert, und er meint, daß es eine Lübecker Urfassüng nie gegeben habe. Möglicherweise war das Buch von 1510/11 die Urfassüng. Der Autor scheint der Braunschweiger Zollschreiber Hermann Bote gewesen zu sein. Bote habe, so betont Hucker, kein revolutionäres, sondern ein maßvoll gesellschaftskritisches Buch geschrieben. Bote habe Eulenspiegel als böse und arglistig hingestellt, als infamen Betrüger.

Was schert nun solches Beweismaterial den Romancier, den Stückeschreiber, den Filmemacher? Wenig. Er darf aus der Geschichte, will er sie verwerten, herausklauben, was er will. Die Qualität des künstlerischen "End"-Produkts entscheidet, sonst nichts. Man könnte also den beiden Drehbuchautoren und Regisseuren Alexander Alow und Wladimir Naumow keinen Vorwurf machen, hätten sie bei der Vorbereitung ihres vierteiligen "Eulenspiegel"-Fernsehfilms (Produktion Allianzfilm, Berlin, und Sowin, Moskau; Sendedaten: 3. April, 20.00 Uhr; 4. und 6. April, 21.15 Uhr; 10. April, 21.10 Uhr) Huckers Alarmzeichen vernommen und sich dennoch nicht danach gerichtet. Sie steuerten auf ein Stück Weltliteratur los, auf Charles de Costers Roman "Die Legende von Ulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heldenhaften, fröhlichen und glorreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderswo" (1868).

Aber wir lesen, sie drehten "nach Motiven von Charles de Coster". Das ist gewöhnlich eine peinlich-legitime Weise, sie verpflichtet wenig und spricht sogar den Plagiator fast frei. Weltliteratur ist noch nie befriedigend verfilmt worden, pingelige Nachäffung ist geistlos, die sinngemäße Verfilmung erreicht nie den Höhenflug, des Originals (die Umsetzung glückt eher in Gebieten, die unter der Weltliteratur liegen).

Da ist, wenigstens in der deutschen Fassung, schmerzlich der Verzicht auf de Costers Diktion, auf eine altertümliche, am Stil des 16. Jahrhunderts (mehr an Rabelais als an Montaigne) orientierte Sprache. Und, in engem Konnex mit der Sprache, der Verzicht auf Phantasie und das Phantastische, in deren Bereich der Leser ein Weggefährte des Autors sein darf. Der gigantische organisatorische, technische, wirtschaftliche Aufwand der Verfilmung (5000 Komparsen, 300 Reiter, zwölf nachgebaute Koggen und so weiter) schafft keine wesentliche Kompensation. Gewiß, ein grandioser Bilderbogen wird aufgerollt mit historisch genauen Häusern und Möbeln, Türmen und Straßenzügen, Wagen und Schiffen. Der Stil alter niederländischer Meister ist von der Kamera zuweilen verblüffend getroffen, man glaubt da Bosch zu sehen oder Brueghel, dessen sechs Blinde mit ihren Stecken leitmotivisch durch die Straßen stochern. Aber auch abwegige photographische Momente: wenn Nele, "Flanderns Herz", mit elegischer Langatmigkeit in Großaufnahme mit kunstvollem Gewoge ihres blonden Haars (l’art pour l’art) gezeigt wird.

Die Regisseure haben de Coster, warum nicht, auf revolutionäres Pathos getrimmt, das Thema ist simplifizierend Flanderns Aufstand gegen die spanische Fremdherrschaft, die Schikanen, Folterungen, Blutgerichte. Aber die rebellische Durchschlagskraft, die einst die Filme von Eisenstein oder Pudowkin auszeichnete, wird nicht erreicht.