Daß das Spielen für Kinder, eine ungemein ernste, im Sinne der Erwachsenen gar nicht "spielerische" Tätigkeit ist, hat sich mittlerweile auch unter Nichtpädagogen herumgesprochen. Das freie Spiel als Aneignungs- und Sammelfeld von motorischen Fertigkeiten und sozialen Erfahrungen hat bei den deutschen Spieltheoretikern einen Heiligenschein gewonnen. Eine systematische Behandlung des Spiels wird abgelehnt, weil damit notwendigerweise ein Verlust an Spontaneität der wesentlichen Qualität des Spiels – einhergehen müsse.

Aus Amerika ist jetzt ein Buch zu uns gekommen, das dieser Auffassung gründlich widerspricht, das die Auffassung vertritt, für das soziale Lernen des Kindes könne es "außerordentlich hilfreich und gewinnbringend sein, wenn es die dem Regelspiel innewohnenden Lernmöglichkeiten rechtzeitig erfährt, erlebt und erkennt":

Bryant C. Cratty: "Aktive Spiele und Soziales Lernen", aus dem Amerikanischen von Adrienne Clark, herausgegeben von Ernst H. Ott; Otto Maler, Ravensburg; 224 S., 26,– DM.

In der Tat ist Crattys Buch auch der Versuch, "die kognitiven, emotionalen und sozialen Dimensionen von Regelspielen insbesondere im Sport ans Licht zu rücken". Brächte das Buch nur dies, könnte man es getrost beiseite legen, die Übersetzung hätte sich nicht gelohnt. Worauf es Cratty ankommt, ist die jeweils an der Situation orientierte Veränderung der Regelspiele, in der sich erst die soziale Potenz des durch Gruppenkonsens reglementierten Spiels offenlegt.

Indem Spielregeln zu solcher Veränderung freigestellt werden, gelangt das mitspielende Kind zur Wahrnehmung des eigenen und des fremden Verhaltens. Aufgabe des spielleitenden Erziehers ist es, die – womöglich "regelwidrig" – festgelegten Spielinhalte gemeinsam mit den Kindern zu beschreiben und zu objektivieren.

Wer jedoch unterstellt, das Buch mute Kindern und Erziehern, ausschließlich die Reflexion über das eigene Spielverhalten zu und zerstöre damit das Spiel durch den Zwang zu permanenter Bewußtmachung, drängt Crattys Buch in eine Ecke, in der es nur zur Hälfte steht (dort allerdings ziemlich fest).

Zur anderen Hälfte steht es in der Spiel- und Sportrealität unserer Tage, die sich durchs Fernsehen schon kleinen Kindern als konkurrenzbefrachtete und streitsüchtige Verhaltensweise mitteilt. Cratty bläst nicht zum Rückzug in eine heile Spielwelt; er ruft auf zu einer Spielerziehung, die durch Streit und Gegnerschaft hindurch die individuellen sozialen Fähigkeiten im Spiel offenlegt, sie in Spielvariationen abtestet und im Gespräch bewußtmacht: Spiel als Katalysator, das Kind "auf ziemlich direkte Weise dazu zu bringen, über eine Anzahl möglicherweise bedeutsamer Aspekte menschlichen Verhaltens nachzudenken".

Die grundsätzlichen Überlegungen nehmen nicht mal ein Zehntel des Buches ein. Über 200 Seiten sind gefüllt mit Spielvorschlägen für Sechs- bis Vierzehnjährige, die schlicht als solche nehmen mag, wem Crattys spieldidaktischer Ansatz nicht paßt. Uwe Schmidt