Die Verhandlungen über die Aufteilung der Fischereirechte innerhalb der gemeinschaftlichen 200-Seemeilen-Zone sind gescheitert. Die Folgen des Fehlschlags waren am Wochenbeginn in Brüssel noch nicht zu übersehen. Werden Irland und das Vereinigte Königreich nun eigenmächtig vorgehen und in den von ihnen beanspruchten Gebieten des Gemeinschaftsmeeres auf eigene Faust Recht setzen? Oder werden beide Regierungen doch noch die Zuständigkeit der EG anerkennen und einen Interessenausgleich mit den Partnern suchen?

So ungewiß sich die Folgen darstellen, so sicher ist man sich bei der Gemeinschaft darüber, daß das Scheitern der Gespräche von London provoziert wurde. Das Taktieren des Staatssekretärs im britischen Landwirtschaftsministerium, Strang, war offenkundig darauf abgestellt, Irland in dem Ringen um Quoten, Maschengrößen und Konservierungsmaßnahmen von einem Kompromiß abzuhalten und auf die britische Seite zu ziehen.

Um den Anspruch auf exklusive Rechte in der die britischen Inseln umgebenden See zu untermauern, wartete Strang mit Argumenten auf, wie sie von den Gaullisten nicht besser hätten ausgedacht werden können. Die Gewässer seien nationales Erbe und Freiraum der Briten, die schon immer seewärts gewandt gelebt hätten. Der Beziehung zur See habe das britische Empire seine Entstehung verdankt.

Das Empire besteht nicht mehr. Und zwischen dem Ende der britischen Herrschaft auf den Weltmeeren und heute hat, wie der französische Landwirtschaftsminister Bonnet sarkastisch bemerkte, der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft stattgefunden. Dies freilich hat die britischen Unterhändler in Brüssel nicht daran gehindert, immer wieder gegen Gemeinschaftsregelungen zu opponieren, als gelte es, den Angriff feindlicher Flotten abzuwehren.

Dabei langt London stets kräftig zu, wo es Vorteile in der Gemeinschaft sieht. Mit den Sowjets und den Polen wurde zunächst hinter dem Rücken der EG-Partner geblinzelt. Allein der Zufall, daß London derzeit den Vorsitz im Ministerrat, innehat, sorgte dafür, daß Moskau und Warschau ihre Bereitschaft zu Fischereigesprächen der "richtigen" Adresse mitteilten. Und wo sich Brüssel den Wünschen der Briten versagt – wie bei der Bewilligung von Beihilfen für Schweinemäster, gibt es wenig Skrupel, die EG vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Die politischen Vorteile, die sich Träumer auf dem Kontinent von der Erweiterung der Gemeinschaft erhofften, sind weitgehend ausgeblieben. Das Gegengewicht, das die Aufnahme der Briten in den Gemeinsamen Markt gegenüber der wachsenden wirtschaftlichen Dominanz der Deutschen bilden sollte, hat sich in der Krise verflüchtigt. Für die Entwicklung gemeinsamer politischer Strategien erwies sich der kranke Mann an der Themse oft genug als Bremsklotz.

Daß der Schritt zur Erweiterung der EG von sechs auf neun Mitglieder nicht ohne Reibungsverluste für die Integration zu vollziehen sein würde, war von Beginn an klar. Die fünf Jahre, die man 1970/71 für die Anpassung an den Gemeinsamen Markt als ausreichend erachtete, erscheinen inzwischen jedoch als zu kurz bemessen. Wenige Monate vor dem Ende der Übergangszeit ist die britische Wirtschaft trotz Zollangleichung von dem wirtschaftlichen Niveau der Altmitglieder in vielerlei Hinsicht weiter entfernt als im Jahr des Beitritts.