ZEITLUPE 20

Lehrer klagen an: Es geht nicht mehr um den Menschen, es geht nur noch um Zensuren

Die euphorische Bildungswerbung der pseudodemokratischen Zuckerbäcker in den späten sechziger Jahren, die suggerierten, Schule könne jeden "begaben", lockte über echte Bildungsreserven hinaus viele Schüler auf weiterführende Schulen, die nicht zu diesen Reserven gehörten. Die hohen Klassenfrequenzen der Oberschulen, die ausgepowerte Hauptschule, der Numerus clausus sind der Preis für den überzogenen Bildungskonsum.

Ferner: An den weiterführenden Schulen brauchte man mehr Lehrer und stellte ein, wen auch immer man bekommen konnte. Daher so manche Hilfskräfte, deren ursprüngliches Berufsziel eben nicht die Schule war! Pädagogische Flakhelferkurse haben da nicht viel nützen können! Auch hier wurde das Begabungsreservoir überzogen! Die Reformen trugen uns in der äußeren Schulorganisation den anonymen, komplizierten und störanfälligen Massenbetrieb ein, sie beseitigten zum Beispiel auf der gymnasialen Oberstufe den Klassenverband und den Klassenlehrer. Im Inneren atomisierte die hektische Curriculitis die Lehrinhalte: Sprachunterricht wurde Linguistik, Mathematik wurde Statistik und Stochastik! Die Notengebung mußte justitiabel werden ("transparent" hieß das einmal!), und so wurde jenes feinmaschige Netz von Punktwerten, Gewichtungen, Prüfungsbestimmungen über Lehrer und Schüler geworfen, in dem wir jetzt herumzappeln! Verantwortung von zur Lehre berufenen Menschen verlagerte sich auf Paragraphen-Spezialisten!

In Abwandlung einer Stelle aus Platons Gorgias (Wer kennt den noch?) möchte man mit Sokrates klagen: "Ohne Besonnenheit und Gerechtigkeit haben sie die Schule nur mit Verordnun-

gen, Organisationsmustern, Statistiken, Paragraphen und Teillernzielen und dergleichen Possen gefüllt. Wenn nun der Ausbruch der Krankheit erfolgen wird, werden sie die derzeitige Schule beschuldigen, die Urheber des Elends aber werden sie preisen!" Dr. Hartmut Froesch, Linz/Rh.

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