Von Roland Sagasser

Vor einem Monat habe ich mein Hauptdiplom im Fach Psychologie mit der Note ‚gut‘ absolviert", schreibt Brigitte Pauli in einer Bewerbung an die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt. "Seither versuche ich, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Meine beruflichen Vorstellungen und Interessen liegen auf klinisch-diagnostischem Gebiet. Sehr gern würde ich in einer psychosomatischen oder auch einer psychiatrisch-neurologischen Klinik arbeiten. Auch Beratungsstellen kämen für mich als Arbeitsgebiet in Betracht, sofern bei diesen die Möglichkeit gegeben ist, auch therapeutisch arbeiten zu können. Meine therapeutischen Kenntnisse habe ich an der Universität (Grundkurs In Gesprächstherapie) erlangt und würde diese sehr gern weiter ausbauen. Regional bin ich nicht eingeschränkt, würde aber vorzugsweise in einer Großstadt arbeiten. Auch würde ich gern im europäischen Ausland arbeiten..."

Die Vorstellungen der Brigitte Pauli über ihren ersten Arbeitsplatz können als typisch für die Wünsche und Hoffnungen einer sehr großen Zahl von Absolventen der Fachrichtung Psychologie gelten. Es zeigt sich in ständig steigendem Maße, daß Psychologen wie Psychologinnen vorzugsweise in den Bereich der klinischen Psychologie streben. Ihre Ausbildung beschränkt sich fast ausschließlich auf die Kenntnisse, die in theoretisch orientierten Übungen und Seminaren erworben wurden. Frau Pauli wie ihre ehemaligen Kommilitonen machen die "Praxisferne des Studiums, die bis zum Vordiplom durch keine und nach dem Vordiplom nur durch äußerst wenige praktische Übungen unterbrochen waren", mit dafür verantwortlich, daß die "Übergangsarbeitslosigkeit" – die Spanne zwischen Studienabschluß und Beruf – einen längeren Zeitraum umfaßt, als vor dem Examen überhaupt vorstellbar gewesen wäre.

Brigitte Pauli, örtlich nicht gebunden, hatte anfänglich, um sich weiterbilden zu können, die Absicht, nur in einer Großstadt zu arbeiten. Sie sagte dementsprechend die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei Arbeitgebern "auf dem flachen Lande" ab. Nach zahlreichen Bewerbungsschreiben stellte sie jedoch bald fest, mit welchen Schwierigkeiten ein Psychologe ohne Berufserfahrung rechnen muß, um einen Arbeitgeber in den Großstädten und Ballungszentren für sich zu interessieren. Diese Tatsache hatte, wie sie nach fünfeinhalb Monaten der ZAV mitteilte, ihre Konzessionsbereitschaft beeinflußt. "Ich habe nun doch das Angebot einer kleineren Beratungsstelle für Jugendliche angenommen. Sie liegt zwar nicht in einer größeren Stadt, aber ich habe dort die Möglichkeit, in einem gut eingearbeiteten Team erst einmal beruflich Fuß zu fassen."

Etwa zwei Drittel der bei der ZAV gemeldeten Bewerber im Fachbereich Psychologie sind Hochschulabsolventen. Sie sehen sich mit derselben Problematik konfrontiert wie Brigitte Pauli. Die "Übergangsarbeitslosigkeit" wird lang und länger; die Konzessionsbereitschaft des einzelnen bei Überlegungen des fachlichen Ansatzes sowie der regionalen Mobilität nimmt entsprechend zu. Der Wunsch, am Hochschulort nach Abschluß des Diploms eine Stelle zu finden, wird in Zukunft wohl nichts weiter als ein Wunsch bleiben. Die Stellenangebote gehen zurück, die Absolventenzahlen steigen, und damit stieg in den letzten Jahren auch die Konkurrenz um attraktive Stellen.

So haben sich beispielsweise im ersten Halbjahr 1973 110 Psychologen bei der ZAV gemeldet, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz waren. Im vergleichbaren Zeitraum 1974 waren es bereits 125. Von 162 im Jahre 1975 stieg schließlich im 1. Halbjahr 1976 die Anzahl bis auf 243 arbeitsuchende Diplompsychologen.

Knapp die Hälfte aller Bewerber sind Frauen. Besonders für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind Frauen als Mitarbeiter häufig erwünscht. In diesem Teilbereich des Arbeitsmarktes kann der häufig anzutreffenden Behauptung, Frauen auf Stellensuche seien grundsätzlich benachteiligt, nicht zugestimmt werden.