Streit in der "Morgenpost" – Führt Conrad Ahlers ein zu straffes Regiment?

Kabalen, Intrigen, Affärchen haben seit Jahren die Hamburger Morgenpost so treu begleitet wie die sinkenden Auflagenziffern; und beides hing meist ursächlich miteinander zusammen. Das Boulevard-Blatt kündet heute neben dem Vorwärts als letzte Zeitung von jenen Glanzzeiten, in denen die SPD noch über ein stattliches eigenes Presseimperium gebot. Medien-Meister Dröscher hat, klug beraten, die Restposten abgestoßen und Kooperations- oder Beteiligungsverträge vorgezogen.

Daß alle Versuche, sich gegen die übermächtige Bild-Konkurrenz (Hamburger Auflage: 550 000) zu behaupten, sich nach innen in Konflikten und Querelen auswirkten: ist das ein Wunder? Hier sind vor allem die Gründe dafür zu suchen, daß Chefredakteur Conrad Ahlers (SPD-MdB), der interimistisch seit November vorigen Jahres und bis Oktober 1977 das Blättchen zu wenden versuchen soll, sich mit seinem Stellvertreter Jürgen Saupe überworfen und ihn beurlaubt hat. Das spiegelt die inneren Probleme einer Zeitung wider, deren Schwierigkeit nie zuviel sozialdemokratisches Profil, sondern zuwenig politische und inhaltliche Substanz gewesen ist. Ihr fehlt der Charme des großen Vorbilds, der Münchener Abendzeitung – und auch deren Esprit.

Die Politik wanderte mal von der ersten auf die letzte Seite und wieder zurück; Chefredakteure, Stellvertreter und Redakteure gastierten immer kürzer. Blättert man in die jüngste Zeitungsgeschichte zurück, zeigt sich ein arges Syndrom: Da ist ein Blatt kopflos.

Als der engagiert linksliberale Saupe im Oktober vorigen Jahres als "Vize" ins Haus geholt wurde, sollte das ein Programm sein: Vorgänger Bodo Grosch, vom Sportressort in die Chefredaktion übergewechselt, begriff sofort und ging. Seitdem sucht Dröscher für das 100-Prozent-Erzeugnis der "Konzentration GmbH", die von einst 400 000 auf 224 000 Auflage geschrumpfte Morgenpost, dringend einen talentierten Chefredakteur, wenn möglich nicht älter als 35 Jahre, souverän und namhafter Star im Gewerbe.

Daß der Pfälzer Dröscher als Übergangslösung auf Ahlers zurückgriff, dem er schon einen Wahlkreis in Bad Kreuznach besorgt hatte, muß man angesichts der Aufgaben, die denEx-Spiegel-Chef erwarteten, nicht als reinen Freundschaftsdienst interpretieren. Von Stund’ an prallten bei der Morgenpost zwei auf Unabhängigkeit erpichte zusammen. Lange brauchte es nicht, da verkehrten sie nur noch über ihre Rechtsanwälte. Müßig nachzuzeichnen, wo die Schuld liegt. Ahlers warf Saupe professionelles, handwerkliches Unvermögen vor; Saupe fühlte sich ausgebootet und hielt Ahlers einen unangemessenen Führungsanspruch vor. Daß Ahlers sich dort am wohlsten fühlt, wo er sichtlich und uneingeschränkt auch Herr im Hause ist, trug zur Eskalation mit bei. Saupe und die Redaktionsminderheit sprechen auch von einem politisch motivierten Zwist, aber Ahlers kontert: "Ich will mich doch nicht wegen eines Querkopfs in die rechte Ecke schieben lassen."

Daß das Blatt ansehnlicher geworden sei und die Auflage sichtlich stabilisiert, registriert Conrad Ahlers nicht ohne Zufriedenheit, auch wenn er von der Morgenpost nicht als Lebensaufgabe träumt. Chefredakteur und Abgeordneter in Personalunion zu sein, hält er für einen Vorteil. Das mache ihn "etwas unangreifbarer". Auf Fragen nach Einmischungsversuchen der SPD: "Ehrenwort, nein." Conrad Ahlers hat das, als er Kolumnist des stern war und auch vorher, noch stets unter einen Hut gebracht: Im Zweifelsfall gegen die SPD anzuschreiben und sich mit ihr zu arrangieren. Das aber ist auch ein Problem der Morgenpost, beileibe nicht ihr einziges.