Das Stadttheater hinkt voran: Behindertenprobleme auf der Bühne

Das Stadttheater Ingolstadt hinktvoran: Kürzlich präsentierten sich dort in einer Uraufführung "Die Gnadenlosen von Rechthal". Dies ist so ziemlich der erste Versuch, Behindertenprobleme auf der Bühne zu bewältigen. Die Ingolstädter machen klar, daß jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen gewollt und keinesfalls zufällig ist. Die Oberbayern klagen die Niederbayern an, denn nichts anderes ist in Ingolstadt zu sehen als der Skandal Aumühle.

1969 verwehrten im niederbayerischen Flecken Fürsteneck die Bürger handgreiflich den Einzug geistig behinderter Kinder in die Aumühle, einem Schloßgebäude, das dem Bischöflichen Ordinariat in Passau gehört hatte. Einer der Führer, die in Fürsteneck keinen "Idiotenpark", sondern ein Fremdenverkehrszentrum sehen wollten, war der Dorfhirte Georg Stetter. Die Sache ist strafrechtlich nie geklärt worden. Doch die Fürstenecker blieben erfolgreich: Das Schloßgebäude ging in Flammen auf, und die Feuerwehr löschte so geschickt, daß der Wasserschaden höher als der Brandschaden war.

In Ingolstadt nimmt sich das Ganze nun wie ein Schwank aus. Der Bürgermeister (Alexander Golling) regiert wie ein Dorf-Goppelt über die Seinen, allesamt richtige Dorfdeppen, die einfältig und tumb die dörflichen Geschicke, das heißt: ihre eigenen Geschäftsinteressen, im Auge haben. Der eigentliche Drahtzieher ist jedoch Ortspfarrer Zeindl (Siegfried Fetscher), der die Aumühle seiner Sabine, der Haushälterin, vorbehalten will. Die Kumpanei von Kirche und Dorf wirkt klamottenhaft.

Die Schauspieler, mit denen ich sprach, sind nicht glücklich über den Text von Fritz Meingast. Noch mehr am Stück zu arbeiten, scheiterte am Autor, der im österreichischen Innviertel auf einer Sölde lebt und ostfriesische Milchschafe züchtet ("Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich").

Der Ansatz des Deppertenschwanks ist nicht schlecht: Die Dorfhonoratioren in ihrem niederbayerischen Kleingeist sind depperter als die Deppen, die da in ihr neues Heim einziehen sollen. Doch was würde in Ingolstadt passieren, wenn einige geistig Behinderte im Zuschauerraum säßen? Wenn sie mit ihrem Vergnügen am Stück den Abend stören würden? Was bliebe von der Überlegenheit der Oberbayern gegenüber den Niederbayern? Denn die Überlegenheit wird ja nicht getestet. Das Theater selbst versperrt Behinderten durch zahlreiche Stufen und Treppen den Zugang. Man hat sie beim Neubau des Stadttheaters nicht eingeplant. Die Premiere eines Behindertenstücks fand ohne Behinderte statt.

Dennoch: Ich votiere für dieses Stück, für diesen Schwank, der die Wollust der Idiotenhatz zur Diskussion stellt. Wo es etwas zu lachen gibt. Die Ingolstädter haben es gewagt, die Behindertenproblematik auf die Bühne zu stellen. Andere, die die Nase ob dieses Versuchs rümpfen, sollen es erst mal besser inszenieren. Deshalb: Auf nach Ingolstadt, der Depperten wegen. Ernst Klee