ARD und ZDF, Freitag, 1. April: Berichte über die Jubelfeiern in den Schlössern von Mannheim und Stuttgart

Das war ein Fernseh-Festival, wie es sich strahlender nicht denken läßt. Während in den Niederungen der Publizistik die kleinen Wanzen und die bösen Radikalen, die Kernkraft-Gegner, die Atomstrom-Aktionäre und ihre Reisevertreter aus allen Parteien ("Wenn Ihr nicht mitmacht, Bürger, geht das Licht in Deutschland aus"), die Bürgerrechtler und die Staatsanwälte, die arbeitslosen Lehrer und die Pensionäre vom Schlag Rudelpinskis ihr Wesen und Unwesen trieben: Während man im Stehparkett die vermeintlich belauschten Gespräche zwischen dem Ersten und Zweiten Bürgermeister der Hansestadt Hamburg analysierte (als deren wichtigstes Resultat, so das Gerücht, die Lösung einer Mathematikaufgabe buchenswert sei, die der Fachmann Professor Biallas dem Laien Klose vortrug – eine Hausaufgabe des Kloseschen Sohnes betreffend), kurzum, während man’s drunten nicht lassen konnte, sich mit schnöder, Politik zu befassen, wurde droben, auf den Höhen des Fernseh-Olymps, das bessere Deutschland beschworen und das nicht nur einmal, sondern gleich in doppelter Ausfertigung.

Im Schloß von Stuttgart und von Mannheim gedachten die Repräsentanten der größten Erfolge, die unser Vaterland jemals errungen hat: der Staufischen Triumphe und des Sieges der Nationalmannschaft, anno 1954, im Wankdorf-Stadion von Bern. Barbarossa und Sepp Herberger, der Kaiser und der Chef – sie und niemand anderes waren die Helden der Woche.

Die feierliche Eröffnung des Staufer-Jahrs mit dem achtzigsten Geburtstag des Altbundestrainers zusammenzulegen: jawohl, das war ein Meisterstück des Protokolls. Wie lebendig wurde da plötzlich die deutsche Geschichte! Wie sichtbar die Kontinuität! Wie anschaulich die Dialektik von strahlendem Triumph und schmählichem Schimpf!

Die Bezüge ergaben sich fast wie von selbst: "Der Ball ist rund", meinte der Altbundestrainer, als ihm Präsident Neuberger, auf dem Höhepunkt des Banketts, eine Nachbildung des Staufischen Reichsapfels überreichte, und fügte in der Erinnerung an die Kämpfe zwischen Gibellinen und Welfen hinzu: "Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Daran gibt’s nichts zu deuteln." Und dann kam’s ganz leise – den Millionen am Bildschirm stockte der Atem –, beinahe flüsternd heraus, als Herberger die Feinde erwähnte, denen die Staufer am Ende erlagen: "Ja, so ist das nun mal. Der nächste Gegner ist immer der schwerste."

Bezüge allüberall! Gedachte man in Mannheim der Staufer, so wurde in Stuttgart, gleichfalls vor den Kameras, des Bundestrainers Erwähnung getan. In einem Gespräch zwischen dem Chef des Hauses Hohenzollern, Prinz Louis Ferdinand, und Hans Karl Filbinger – einem illustren, durch die Vokabeln "Kaiserliche Hoheit" und "Herr Landesvater" akzentuierten Disput über die Frage, warum bei der Staufer-Ausstellung das Volk nicht ins Blickfeld geraten sei, Barbarossas Knechte und Bauern (Filbinger: "Weil das Volk, damals so gut wie heute, sich nur im Spiegel seiner Herrscher erkennt")... in einer Debatte über das Thema "Warum Europa wieder schwäbisch werden muß" gedachten die beiden Gesprächsteilnehmer, der Wiedergeburt des Reiches nachsinnend, des Tages von Bern – jener Stadt, aus der, wie der Hohenzoller bemerkte, nicht zufällig auch Dietrich, der Sagenheld, stammt. "Bern", sagte Hans Karl Filbinger, "das war die Wende. Von da an ging es bergauf. Bern: das ist für mich ein Symbol. Ein Zeichen für die Wiederkehr des ..." "Das heißt also", unterbrach ihn der Enkel des Kaisers und lächelte fein, "daß nicht nur Barbarossa ..." "Keineswegs", sagte der Landesvater und schaute versonnen in die Kamera, "nicht nur Barbarossa, Kaiserliche Hoheit. Auch Josef Herberger wird eines Tages im Kyffhäuser ruhen."

Das Doppelfest in den Schlössern des Reichs ging zu Ende. Momos