Von George Hodos

Die Nazi-Kriegsverbrecher, über die berichtet wird, brauchen nicht gesucht zu werden, sie sind längst gefunden und genießen einen ungestörten, geruhsamen Lebensabend. Wenn hier jemand gesucht wird, so sind es jene, die eine strafrechtliche Verfolgung und Auslieferung von Massenmördern immer wieder verhindert haben.

Dies ist ein subjektives, zorniges Buch und kommt vielleicht eben deshalb näher an die historische Wahrheit heran als eine kühl abgewogene, distanzierte Abhandlung. Die Wirkung ist um so stärker, als der Zorn nicht der des Autors noch der der Opfer ist, sondern eines ehemaligen Untersuchungsbeamten des amerikanischen Justizministeriums. Der "Held" des Buches, Anthony DeVito, war dabei, als die amerikanische 7. Armee das Konzentrationslager Dachau befreite. Nach zwanzig ereignislosen Dienstjahren im Einwanderungsamt kam der Fall, auf den DeVito ein Leben lang gewartet hat: Er wurde 1971 mit der Untersuchung gegen die ehemalige Aufseherin des KZ Majdanek, Frau Hermine Braunsteiner-Ryan, betraut.

Der Fall Ryan ist die erste und bisher letzte Kriegsverbrecher-Untersuchung, die mit einer Ausweisung endete. Es war aber nicht etwa das Verdienst DeVitos, sondern eine juristische Fehlentscheidung des Verteidigers, der die amerikanischen Behörden nach neunjähriger Verschleppung dazu veranlaßte, sie an die Bundesrepublik auszuliefern. Doch DeVito bekam seine erste "Lektion": Wichtige Aufzeichnungen verschwanden aus dem verschlossenen Aktenschrank, vertrauliche Informationen landeten beim Verteidiger, Zeugen wurden eingeschüchtert, seine Fragen, Proteste und Beschwerden an die Vorgesetzten wurden nicht beantwortet – ein Schema, daß sich in den weiteren Untersuchungen in verschiedenen Variationen wiederholt und in DeVito den Verdacht aufkommen ließ: Hier ist eine mächtige Organisation am Werk, mit Stützpunkten weit oben im Justiz- und Außenministerium,’’die eine erfolgreiche Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechern sabotiert.

Eine paranoide Wahnidee? Manche Kritiker des Buches werfen das DeVito vor und meinen, der Autor Howard Blum sei davon so fasziniert gewesen, daß er für bare Münze hielt, was pure Halluzination ist. Doch ist es fair, die Angst des Verfolgten als Verfolgungswahn abzutun?

Während des Ryan-Prozesses bekam DeVito eine Liste mit 59 Namen von Nazi-Kriegsverbrechern zugespielt. Vier Fälle durfte er untersuchen. Sie waren eigentlich nicht kompliziert, sollte man meinen. Ausreichendes Belastungsmaterial stand zur Verfügung, alle hatten bei der Einwanderung in die Vereinigten Staaten ihre Verbrechen verheimlicht. Als das Material beisammen war, verschwanden die Akten spurlos.

Der unbedeutendste Fall betraf den Tscherkessen Tscherim Soobzokow: Er hatte sich der SS angeschlossen, eine Tscherkessen-Einheit organisiert und an der Ermordung von Juden, Partisanen und anderen "feindlichen Elementen" in Weiß-Rußland teilgenommen. Die anderen Fälle. aber: Viorel Trifa, leitendes Mitglied der rumänischen Faschisten, der Eisernen Garde, Führer der Bukarester Judenmassaker von 1941, drei Jahre später Mitglied der Eisengarden-Exilregierung in Wien; Andrija Artukovic, Innenminister der kroatischen Ustaschi-Regierung, Organisator von Konzentrationslagern, in denen Tausende von Juden, Serben, Kommunisten und Nazi-Gegnern ums Leben kamen Boleslaws Maikovskis, SS-Hauptsturmführer, Leiter eines litauischen Hinrichtungskommandos im Rigaer Ghetto, verantwortlich für die "Vergeltungsaktion", in der alle Einwohner des Dorfes Audrini erschossen wurden.