Von Hans Krieger

Unter dem Titel steht lapidar: „Ein Bericht.“ Das kann vielerlei bedeuten. Das Buch, meldet der Klappentext, wurde in einer psychiatrischen Anstalt geschrieben. Die Rede ist von einem bemerkenswerten literarischen Debüt –

Maria Erlenberger: „Der Hunger nach Wahnsinn – Ein Bericht“; dnb 84, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1977; 240 S., 10,– DM.

Ordentliche Geschichten haben Anfang und Ende, und was darin geschieht, hat Gründe. Dieser Bericht hat keinen Anfang und kein Ende, und was er erzählt, hat keine einleuchtenden Gründe. Das Buch ist irritierend wie die Wirklichkeit: so ganz genau weiß man nie, womit man es zu tun hat. Auch wenn man, aus gutem wie aus schlechtem Gfund, so tun kann, als wisse man Bescheid. Maria Erlenberger hat sich entschlossen, nicht Bescheid zu wissen – nicht einmal über sich selbst, das Sicherste, was sie doch hat. Darum kann sie Erfahrungen machen; davon handelt ihr Buch.

Was ist der Ich-Erzählerin widerfahren, die da in der Anstalt Blatt um Blatt mit Beobachtungen und Erinnerung füllt? Sie beginnt eines Tages zu fasten, dann buchstäblich zu hungern, planvoll und doch wie unter einem Zwang. Sie spielt mit ihrem Leben und um ihr Leben: „Als mein Hungerunternehmen begann, bemerkte ich das kaum. Das leise Aufhorchen war aber doch da, eine Botschaft von mir an mich, daß ich die Schwelle zu einem abenteuerlichen Spiel mit mir selbst betreten hatte... Mein Hunger faszinierte mich. Es war der Hunger meines Seins nach dem Leben und nach dem Tod. Der Hunger nach Erschütterung des starren Herzens.“ Als sie noch knapp 32 Kilo wiegt, wächst aus Todesangst der Lebenswille. Kreislaufzusammenbruch, eine Nacht der Panik. Im Krankenhaus scheint gerade an das Nächstliegende niemand zu denken. Sie wird in die Psychiatrie abgeschoben, denn wer sich freiwillig fast zu Tode hungert, ist im Kopf nicht normal.

Die Geschichte einer Krankheit und einer Heilung? Den Betrieb, in den sie geraten ist, als sie sich eigentlich nur wieder gesundessen will, hat die Erzählerin schnell durchschaut. „Heilung ist nur der Deckmantel“ – für ein „Menschenspiel“, dessen Rollen feststehen. Die Patienten verstehen sich wortlos, das Personal hat sich abgeschirmt mit Geschäftigkeit und Verachtung; wer aus der Rolle fällt, wird „niedergespritzt“. Maria Erlenberger spielt das Spiel mit und entdeckt darin einen Freiraum: Wer nicht aufbegehrt, kann hier wenigstens sein, wie er ist;

Am Schluß steht sie wieder draußen vor dem Gittertor und wartet auf den Bus. Während sie wartet, erlebt sie in einer Art Wachtraum noch einmal die schmerzhafte Gratwanderung auf Messers Schneide über dem Abgrund; vom „Balancieren auf dem dünnen Balken der Normalität“, das so müde macht, hat sie lange zuvor in ihr Heft notiert, daß nur eines helfe: die Angst vor der Wirrnis verlieren. Sie war eingetaucht in das „Meer des Wahnsinns“. Jetzt ist sie entlassen, aber in ihrer Handtasche steckt wohl noch der Brief an den Hausarzt mit der Diagnose „Schizophrenie“, in dem es heißt: „Marasmus, psychotisches Zustandsbild, gedankenflüchtig, verlangsamt, teils inkohärent. Während der Behandlung psychisch unauffällig, Gedankenablauf geordnet. Test: ... gestörte Realitätsanpassung, zerfahrener Gedankenduktus.“ Ironie ist da überflüssig.