Von Karl-Heinz Janßen

Es gibt Bücher, die müssen geschrieben wenden. Ohne Rücksicht auf Zeit, auf Lohn, auf Reputation, ja auf persönliche Sicherheit. Nur um der Wahrheit willen. Da sitzt in Berlin ein Überlebender der Dresdner Bombenkatastrophe vom Februar 1945, ein Journalist, der es sich zum Lebensziel gesetzt hatte, die Wahrheit über jenes Kriegsverbrechen zutage zu fördern. Dreißig Jahre hat er darauf verwandt, alle erdenklichen Unterlagen zu sammeln: Augenzeugenberichte, Polizeimeldungen, Alarmlisten, Einsatzberichte der alliierten Luftflotten, Zielphotos, Trefferbildkarten (und manches haben sich die Archive erst vor ein paar Jahren entreißen lassen). Er hat Hunderte von Büchern und Broschüren und Zeitungsaufsätzen studiert und immer noch einmal umgeblättert, hat andere Überlebende befragt, Experten zu Rate gezogen. Und als er das Werk endlich vorlegen kann, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit aufbereitet, kein Detail vergessen, angereichert durch achtzig meist unbekannte Photos und Dokumente und fast dreißig eigenhändig gezeichnete Karten – – da erntet er keinen Dank, sondern wird öffentlich beschimpft und verleumdet. Da werden die Ergebnisse seiner Untersuchungen von Rezensenten auf eine schon infame Weise entstellt und verfälscht, der Autor und seine Familie zu Opfern einer organisierten Verfolgung, die solche Formen annimmt, daß er zu seinem Schutze die dafür vorgesehenen Dienste einschalten muß.

Viele Menschen wollen eben die Wahrheit nicht hören, eingefleischte Vorstellungen nicht korrigieren; sie machen sich auch gar nicht erst die Mühe des Lesens, sondern verdammen im vornhinein. Zugegeben – unbequem ist der Abschied von alten Legenden allemal.

Da hatten nun die Deutschen durch Jahrzehnte ihren Mythos des Verbrechens von Dresden, das in einem Atemzug mit Hiroshima zu nennen sie sich angewöhnt hatten, von so erschreckender Grausamkeit und so gewaltigem Ausmaß, das manche, wenn auch zumeist heimlich, ihr durch Auschwitz belastetes Gewissen damit beruhigten. Und nun erzählt ihnen Götz Bergander, das alles habe es gar nicht gegeben:

Nicht die mit Flüchtlingen vollgestopfte Stadt – nicht die 250 000 oder gar 400 000 Toten – nicht den Phosphor, der aus Kanistern und Wannen wie Regen über die schöne Stadt herabfloß – nicht die Tiefflieger, die mit Bordwaffen unter den Menschenmassen auf den Elbwiesen ein Blutbad anrichteten – nicht den wochenlangen Brand – nicht die zugemauerten Straßen, unter deren Trümmern Zehntausende für immer begraben lagen – nicht die Flammenwerfer, mit denen die Keller von Leichen gesäubert wurden.

Ein unvoreingenommener Leser wird sich der peniblen Beweisführung des Autors nicht verschließen können, der all diesen Legenden, die einer vom anderen abschreibt, bis in die feinsten Wurzeln ihrer Entstehung nachgegangen ist:

Eine "Jahrhundertkatastrophe"