Von Reinhardt Stumm

Die anderen nennen das dann Realitätsverlust: Irgendeiner steigt eines Tages aus, macht nicht mehr mit. Die weltbewegenden Schwierigkeiten der Leute bewegen ihn nicht mehr, kommen ihm gar lächerlich vor. Er redet plötzlich von Dingen, die den Zuhörern bedenklich erscheinen. Und lange kann es nicht dauern, bis das Urteil gefällt wird. Abstoßung ist die Folge, ein mildes "Der-spinnt"-Verdikt im günstigsten Fall, im schlimmsten die Isolation. Realitätsverlust, das wird von den Besitzern der Realität mit gutem Recht als gefährlicher Seuchenherd erkannt. Wie, wenn da plötzlich alle? Wer würde noch für das Fortkommen dieser Gesellschaft sorgen?

Und der, der die Realität verloren hat? Wohin wendet er sich? Was bewegt ihn nun? Ist er neurotisch geworden? Muß er zum Psychiater? Wie kann er verkennen, daß Arbeit, Karriere, Ansehen, Zielstrebigkeit, Bewußtsein für Status die Pfähle sind, auf denen diese Gesellschaft sich über dem schwankenden Boden irrationaler Gemütsbewegungen hält?

Realitätsverlust befiel eine junge Österreicherin. Zuerst war es nur das Staunen darüber, daß die Dinge, die allen anderen wichtig waren, für sie an den Rand rückten, dann war es Beunruhigung, schließlich wurde es die Krise, die noch längst nicht durchgestanden ist. Wie so oft in der Literatur wurde ein Buch zur Therapie –

Brigitte Schwaiger: "Wie kommt das Salz ins Meer", Roman; Zsolnay Verlag, Wien, 1977; 168 S., 19,– DM.

Es ist der Haltepunkt in einer Entwicklung. Es ist Darstellung und kritische Reflexion. Es ist die Suche nach Ursachen. Und es ist keine Abrechnung, nicht die Eröffnung eines Schuldkontos. Schicht um Schicht wird abgetragen, was im Laufe einer langen, gutbürgerlichen Erziehung an Konventionen wie eine Elefantenhaut um diese Seele gelegt wurde.

Der Prozeß setzt unvermittelt und früh ein, er ist schmerzhaft, und er dauert lange: "Ich war lernbegierig, und irgendwann im Gymnasium hat das aufgehört, irgendwann ist der Motor herausgefallen, und ich habe nicht mehr zugehört, wenn der Lateinprofessor etwas erklärt hat, ich habe nur mehr so gestaunt über die Ruinen, die er im Mund sitzen hat, und ob seine Frau das aushält, wenn er sie küßt, ob ihr da nicht graust vor so viel Speichel und Geruch ..."