Es war einmal eine Hexe: die wohnte in einem tiefen, tiefen Wald. Und sie hätte dort mit ihrem Leben ganz zufrieden sein können, wenn die Geschichte mit ihrer Urgroßmutter nicht passiert wäre. Es kann auch ihre Ururgroßmutter gewesen sein. So genau ist das nicht mehr feststellbar.

Von dieser ihrer Ahnfrau hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß sie in ihrem Häuschen einst zwei Kinder gefangen gehalten hätte: ein Mädchen (Gretel) als Raumpflegerin, einen Jungen. (Hänsel) als Lebensmittel, Was ihr besonders übel genommen wurde, war die Tatsache, daß die Schindel ihres Heimes vom Dach bis zum Parterre aus Nürnberger Lebkuchen, Aachener Printen und Harlemer Spekulatius bestanden. Sie brauchte also Hänsel eigentlich gar nicht, um ihr Leben zu fristen. Sie wollte nur etwas Kräftiges zwischen die Rippen kriegen. Das war gemein. Sie strebte nach etwas Soliderem.

Das Ende dieses Strebens ist bekannt. Als die Hexe arglos nachsehen wollte, ob der Backofen gut angewärmt sei, wurde sie von Kinderhand ins Feuer geschubst. Die Tat der Kinder fiel unter den Notwehrparagraphen, so daß die beiden in aller Seelenruhe das Material ihrer Walderlebnisse aufbereiten konnten. Sie taten dies unter dem Motto "Märchen, die das Leben schrieb". Und es entstand sogar eine Oper daraus, die sich trotz der kannibalischen und mörderischen Geschichte vorzüglich für Weihnachten eignete, weil Hänsel und Gretel behaupteten, es hätten vierzehn Englein über sie gewacht, immer zwei zu ihren Häuptern, zwei zu ihrer Rechten, immer zwei zu zwei. Bis zu den Füßen. Und dann noch zwei, die sie wiesen zu himmlischen Paradiesen.

Die Verquickung zwischen Wald und Himmel, zwischen Märchen und Gesang mit Orchesterbegleitung hat das Geschehen – wie immer es sich in seinen Einzelheiten abgespielt haben mag – derart populär gemacht, daß die Nachfahrin der damaligen Dame immer wieder die Frage zu hören bekam: "Sind Sie nicht?" oder "Sollten Sie etwa?" oder "Na, die Namen Hänsel und Gretel schon mal gehört?" Und das alles nur, weil sie das bekannte Knusperhaus im Spessart geerbt hatte, in dem sie beileibe nicht von Menschenfleisch, sondern von Pilzen lebte. Denn, wie gesagt, es ist nicht möglich, sich allein an Süßigkeiten zu erfreuen.

Im Leben unserer Hexe sind nun zwei Erlebnisse umwerfend gewesen. Erstens die Trimm-dich-Bewegung. Wo einst Hänsel und Gretel zitternd über Stock und Stein stolperten, herrschte jetzt ein reger Verkehr halbnackter menschlicher Traber, die auf Waldlichtungen anhielten, um tief Und stimmhaft (ffffft) ein dutzendmal ein- und auszuatmen. Von diesem Anblick und Geräusch wurde die Hexe durch das Angebot befreit, ihre Parzelle zwecks Besiedlung zur Verfügung zu stellen und dafür das Dach eines Wolkenkratzers einzutauschen. Ausschlaggebend für diesen Tausch war der Hinweis, daß heutzutage in der Stadt viel häufiger die Büchse knallt als ehemals in finstern Wald, daß die Räuber dort viel zahlreicher und zahlungskräftiger sind als auf dem Lande, und daß es viel gefährlicher ist, mutterseelenallein in einer U-Bahnstation nachts zu stehen, ehe die letzte Bahn kommt, als vor einem Waldsee, wenn mitternachts die Käuzchen schreien, huu, huu.

Natürlich ist nicht alles so geworden, wie es vereinbart war. "Es ist nicht alles in die Reihe gekommen", um mit der Hochhaus-Hexe zu reden. Man hatte ihr einen Hoch-Wald versprochen. Und was sieht man? Daß man nicht lache! Das bißchen Unterholz ist auch nicht der Rede wert. Woran die Hexe sich jedoch nur sehr schwer gewöhnen konnte, ist die Verpflichtung, daß sie nach dem Lebensmittelgesetz auf jede Lebkuchen-, Printen- und Spekulatius-Schindel das Datum stempeln muß, an dem die Garantie der Bekömmlichkeit erlischt. Es kommen immer wieder Kontrolleurinnen heraufgestiegen, welche die Stempel prüfen, und die Mädchen haben alle Ähnlichkeit mit einer gewissen Gretel.

Das Hexenreich ist so oft von Hubschraubern aus photographiert worden, daß alle Bewohner der Stadt, ob groß, ob klein, eine Vorstellung vom Leben "ihrer" Hexe haben. Links das Knusperhaus, davor der Baum, rechts an der Kante die Garage, wo die Hexe ihre Reitbesen parkt. Und der Inhalt dieser Garage ist ihr eigentlicher Reichtum, ihr wirklicher Stolz.