Lehrstück in Apartheid – wenn Ausländer auf die Straße gesetzt werden

Zu Kaffee und Kuchen gab’s ein Lehrstück. Thema: Rassismus. Schauplatz: nicht Südafrika, sondern Bielefeld. Das finstere Spiel, aufgeführt in einem feinen Café in der City, begann für die Familie des Arztes Dr. Mevenkamp nach dem Einkaufsbummel. "Das Kaffeetrinken", berichtete das Ehepaar letzte Woche in einem Leserbrief der Neuen Westfälischen, "wurde uns und unseren Kindern zu einem Lehrstück in Apartheid." Denn: "Am Tisch neben uns warteten Gäste – offensichtlich Gastarbeiter – vergeblich auf Bedienung, während rings um diesen Platz Kaffee zu- und Teller und Tassen emsig abgetragen wurden."

Ein nach den Gründen befragter Ober erklärte sich für nicht zuständig. Der Tisch falle nicht in sein Gebiet. "Bald stellte sich heraus, daß es niemandes Tisch war", erkannte das deutsche Ehepaar, mochte nach andauernder Mißachtung des Ausländertisches nicht mehr an Zufall glauben und forschte weiter. Ohne Erfolg: "Auch die Geschäftsführerin, zu Erklärungen kaum bereit, wußte sich nicht zuständig."

Lehrstücke dieser Art werden in der "freundlichen Stadt am Teutoburger Wald" (so die Bielefeld-Werbung) häufiger gespielt. Der Fall ist kein Einzelfall. Und: die Diskriminierung von Ausländern hat, hier nicht nur tausendjährige Tradition.Seit Anfang der siebziger Jahre erlebt ausländerfeindliches Verhalten in der ostwestfälischen Metropole eine neue Blüte. So erteilte das Café, in dem auch das jüngste Beispiel stattfand, bereits vor zwei Jahren Lokalverbot für Gastarbeiter, die sich (laut Inhaber) "nicht anpassen konnten" und "den ganzen Tag hier rumsaßen". In etlichen anderen Bielefelder Lokalen kommen Ausländer – gleich welcher Nationalität oder Hautfarbe – erst gar nicht dazu, "rumzusitzen". Ein Türsteher versperrt ihnen schon vorher den Weg ins deutsche Unterhaltungsreich. In dieser Beziehung besonders hervorgetreten ist ein Bielefelder Junggastronom, der unter anderem über ein Gaststättenzentrum und Diskotheken gebietet. In seinen Schickeria-Treffs, die sich mit internationalen Namen und fremdsprachigen Hits schmücken, sind die deutschstämmigen Boutique-Schönen unter sich.

"Coloured people not allowed", mußte hier ein nigerianischer Maschinenbauschlosser erfahren. "Dezenter" sagt es der "Empfangs- und Kontrollbeauftragte" dem Arzt Dr. Abner Schal aus Haiti. Mit dem Hinweis, "das Haus ist zu voll", wurde ihm der Zutritt verwehrt. Nicht zu voll allerdings für Weiße: Sie konnten ungehindert ins beliebte Vergnügungszentrum. Solche Vorfälle versucht der Besitzer der umsatzstarken Etablissements in der Öffentlichkeit zumeist als "Pannen" zu deklarieren. Gegen den Vorwurf der Rassendiskriminierung wehrt er sich höchst energisch. Zur "Gesichtskontrolle", der immer wieder Ausländer zum Opfer fallen, jedoch bekennt er sich. Denn die sei notwendig, damit die Bürger in seinen Lokalen "das finden, was sie wirklich suchen: Stunden der harmonischen und abwechslungsreichen Entspannung".

"Ausländerdiskriminierungen", erklärt Lutz Schampel, Leiter der Außenstelle Bielefeld der Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG), "sind in Bielefeld an der Tagesordnung." Entsprechende Erfahrungen macht er seit einigen Jahren. In einem 1973 zum erstenmal erschienen "Wegweiser durch Bielefeld" begrüßt er die von der CDG betreuten Praktikanten aus Entwicklungsländern mit "Willkommen in einer ungastlichen Stadt". In der nicht nur über Vorurteile und Diskriminierung informierenden Broschüre wollte Schampel auch ein ausführliches Hotel- und Gaststättenverzeichnis veröffentlichen. Als einzige Bedingung für die Aufnahme ins Verzeichnis nannte er "Bedienung und Beherbergung des von uns betreuten Personenkreises". 200 Fragebogen wurden verschickt. Fünf kamen zurück. Den so entstandenen Eindruck der Ungastlichkeit mochte Bielefelds Gastronomie nicht auf sich sitzen lassen. Ihr Verband veranlaßte und unterstützte eine zweite Umfrage. Von den nun angeschriebenen 500 Betrieben des Hotel- und Gaststättengewerbes antworteten 13, oder: 2,6 Prozent und damit 0,1 Prozent mehr als bei der ersten Befragung. Daß ihnen ihr Desinteresse an ausländischen Gästen finanzielle Einbußen bescheren könnte, müssen die Gastronomen nicht fürchten. Diskriminierungsaktionen stoßen nicht, nur auf Entrüstung. Weit häufiger sind "Was geht’s mich schon an"-"Toleranz" oder gar Zustimmung. Zustimmende Briefe und Telephonanrufe erhielt denn auch der Caféinhaber, als er ausländische Gäste auf die Straße, setzte. "Gott sei Dank", freuten sich arische Kaffee- und Kuchenfreunde nach der Verbannung der Gastarbeiter, "jetzt können wir wieder bei ihnen verkehren." Raimund Hoghe