Liebhaber schottischer Folklore sollten sich die ersten beiden Mai wochen vormerken. Denn in dieser Zeit treffen sich – seit 1951 zum erstenmal – die Mitglieder aller schottischen Clans. Und zwar in der ersten Woche in Edinburgh und in der zweiten Woche in den verschiedenen Clan-Gebieten der Stewarts, MacDonalds, Campbells, MacLeads und wie sie alle heißen.

Clan – ein gälisches Wort – kann man vielleicht am besten mit Familiengemeinschaft übersetzen, die ursprünglich ein freiwilliges Lehnsverhältnis des Stammes zu seinem Haupt darstellte. Es gibt heute in Schottland etwa fünfundsiebzig Chieftains – auch Lairds genannt – die als Vertreter des Vorfahren angesehen werden, der einst den Clan gründete. Hier ein Herzog, dort ein Graf – aber die Mehrzahl der schottischen Edelmänner sind einfach MacDougalls (Mac bedeutet! "Sohn von..."), McPhersons, Camerons usw., und nur der Name ihres Besitztums, der dem Familiennamen nachgestellt wird, verrät dem Eingeweihten, daß er den Nachkommen eines einst Mächtigen Stammeshauptes vor sich sieht. So gibt es viele ganz gewöhnliche Camerons, aber nur einen Cameron of Lochiel, der nicht mit "Mr. Cameron", sondern mit "Lochiel" angeredet wird.

Die Geschichte der schottischen Clans war blutig. Jahrhundertelang zogen sie gegen die verhaßten Engländer zu Felde, und wenn sie nicht mit dieser Aufgabe beschäftigt waren, trugen sie blutdürstige Auseinandersetzungen unter sich aus. Schon im Jahre 1603 hatten England und Schottland nach dem Tode Elizabeth I. ihren ersten gemeinsamen König in James I., dem Sohn der unglücklichen Maria Stuart. Aber die Clans lebten im unwegsamen Hochland weit von London entfernt, sie gebärdeten sich mächtig, stolz und wild und wollten sich keiner Oberhoheit beugen. Ihr Kampf gegen politische Bevormundung ging erst im 18. Jahrhundert endgültig verloren.

Und die Clans heutzutage?

Es gibt ein Handbuch mit fast tausend schottischen Familiennamen und dem Hinweis, zu welchem Clan sie gehören. Ein wichtiger Punkt, denn in früheren Zeiten schloß sich ein Vorfahre jedes Namensträgers einem Chieftain und seiner großen Familiengemeinschaft an und erwarb damit das Recht, unter anderem auch deren Tartan zu tragen. Es würde einem richtigen Schotten, und das gilt auch für die vielen Nachkömmlinge der Kiltträger, die in Kanada, Australien, Neuseeland und den USA leben (es heißt: fünf Millionen Schotten zu Hause, 15 Millionen in der großen weiten Welt) nie einfallen, ein anderes Schottenkaromuster als das der Familie seines Vaters oder seiner Mutter zu benutzen. Dabei gibt es seit Anfang des vorigen Jahrhunderts etwa 400 Tartans. Für den traditionsverbundenen Keltensohn sind sie ein Symbol geblieben, ihre Streifen zeichnen für ihn ein Bild der Flora seiner Heimat, seiner Vorfahren, seiner Geschichte.