Eltern streiten – arbeitslose Lehrer geben seit Wochen Kindern Unterricht

Almut Harms ist verärgert: "Die sollen in Zukunft bloß niemals mehr von Kindern reden – das sind doch für die nur Zahlen." Die angehende Sozialpflegerin meint die Beamten der Schulverwaltung der Stadt Hannover und des hiesigen Regierungspräsidiums. Schließlich ist ihr "Tommy" in einen Verwaltungsakt geraten, mit seiner ganzen Klasse an der Grund- und Hauptschule Mühlenberg.

Mitten im Schuljahr, bekam die Klassenlehrerin der 2e ihren Versetzungsbescheid. Kordula Kulawig: "Das geschah ganz kurzfristig, erst nach den Weihnachtsferien erfuhr ich, daß ich am 1. Februar an eine andere Schule sollte." Die 25jährige Junglehrerin mit den Vorzugsfächern Mathematik und Kunst hatte gerade ihre zweite Prüfung hinter sich. Dann trafen sie der Kultusrechenstift und ein behördlicher Bescheid.

An der Grundschule Mühlenberg, so hatte die Schulrätin Wille errechnet, bestand ein "Unterrichtsplus von 0,45 Prozent". Die Grundschule an der Harenberger Straße, einige Kilometer entfernt im Hannoverschen Stadtteil Limmer, mußte "ein Unterrichtsfehl von 16,4 Prozent" verkraften. Also sollte die gut versorgte Mühlenbergschule eine Lehrerin abgeben, die Harenberger Schüler bekamen sie. Für die Schule in Limmer verbesserte sich der statistische Wert der Unterrichts Versorgung prächtig: Um 5,4 Prozent, soviel macht dort eine Lehrkraft aus. Die Mühlenberger drücken schwächer auf die Statistik: Hier bewirkte der Abzug von Kordula Kulawig einen Rückgang um 3,15 Prozent im Zahlenspiegel.

Die Eltern der betroffenen Klasse aber berührte die mathematische Problembeseitigung der Kultusbürokraten wenig. Ihre Kinder verloren die Klassenlehrerin, und damit die wichtige Bezugsperson. Nach einer pädagogischen Regel sollte sie in der Grundschule zwei Jahre bleiben, mitten im Schuljahr ist ein Wechsel nachteilig. Mühlenberg-Schulleiter Werner Bartel sieht die pädagogische Fragwürdigkeit des Lehrerwechsels. Der Aufgabe aber, "alle Kinder möglichst gleichmäßig zu beschulen", der Zwang, eine Grund- und Hauptschule mit 750 Schülern und 39 Lehrern nach der Vorgabe der präsidialen Behörde zu verwalten, hat er bei der Versetzungsbegründung mehr Gewicht gegeben. "Seit November 1976 stand fest, daß jemand abgeordnet würde. Dreimal habe ich gefragt, ob jemand freiwillig ginge, dann fiel die Entscheidung."

Kordula Kulawig sah den angeordneten Lehrertransfer nicht ein. Denn die Klasse 2e sollte aufgelöst werden. Tommy und die anderen 21 Schüler würden auf die fünf weiteren zweiten Klassen verteilt werden. Die Lehrerin verständigte pflichtgemäß die Eltern ihrer 2e. Deren Reaktion: Sie nahmen das nicht einfach hin. Schon im August 1976 hatten sie gegen die Auflösung von zwei Klassen opponiert. Zum Erstaunen der anderen Eltern, obwohl ihre Kinder damals nicht betroffen waren. In einer Versammlung beschlossen sie, die Versetzung und die daraus folgende Klassenteilung nicht zu akzeptieren. 4000 arbeitslose Lehrer gäbe es in Niedersachsen, daher brauchten Schüler nicht plötzlich unter fehlenden Lehrern zu leiden, meinten sie.

Am 19. Januar fehlt die 2e der Mühlenbergschule geschlossen. Die Eltern wollen mit diesem Boykott ihre pädagogische Vorstellung gegen die bürokratische Vorschrift durchsetzen. Ihre Forderung: Kordula Kulawig soll bleiben, die 2e darf nicht aufgelöst werden.