Daß die "Geschichten vor unserer Tür" passieren, hat Frederik Hetmann bereits 1972 behauptet, damals noch mit einer gewissen antiautoritären Attitüde. Es war der Untertitel zu seinem hervorragenden Erzählungsband "Bitte nicht spucken". Leider wurde es dann eine Zeitlang fast schick, den Alltag, die kaputten Nachbarn, die gelinde Depression im Kinderbuch auszudrücken, ohne danach zu fragen, ob eine so unterbelichtete Welt und so verkrüppelte Erwachsene denn noch von Kindern angenommen werden können.

In dem soeben erschienenen Buch

Karin Bolte: "Wie Alfred berühmt wurde"; Beltz & Gelberg, Weinheim; 168 S., 14,– DM

legt die Autorin eine realistische Erzählweise vor, die verblüfft, wohl auch betroffen macht, zugleich aber des Lesers Kopf und Herz bewegt, ihn in einen Dialog hineinnimmt und offensiv um Stellungnahme bittet.

In fast allen der insgesamt vierzehn Geschichten geht es um die Frage, wie können wir gut, wie können wir besser miteinander auskommen, wie können wir wirklich ehrlich sein, ohne uns zugleich zu schaden, wie können wir schwach sein, zeigen, daß wir Liebe brauchen, ohne uns zu blamieren. Die Erzählungen sind zum gemeinschaftlichen Lesen und zum Miteinanderreden wie geschaffen, sei es in der Familie, sei es in Jugendtreffs oder in der Schule. Karin Bolte greift ihre Themen mit großer Sicherheit auf, sie trifft die Dinge, die Typen, die Brandstellen im Kommunikationsgeschehen; zweifellos hat sie aus ihrem Hauptberuf als Sozialarbeiterin eine Menge eingebracht, auch eine Art Engagement, das sich nicht zurückhält, aber auch – nicht aufdrängt. Die schwarz-weißen Bildtafeln von Willi Glasauer sind gekonnt der Thematik angenähert und intensivieren den Gesamteindruck.

Ein Geschichtenbuch mit ähnlichen Intentionen ist Annemarie Norden: "Was hättet ihr getan?"; Schaffstein Verlag, Dortmund; 128 S., 15,–DM.

Die Texte werden auf dem Einband bereits ausdrücklich als "Geschichten zum Weiterdenken ausgewiesen. In der Tat: das abgegriffene Wort "Denkanstöße" ist hier verwirklicht. Die Geschichten enden nicht im üblichen Sinne, sie bleiben offen, setzen ein Fragezeichen und fordern die Kinder zum alternativen Denken heraus. Immer geht es um eine Konfliktsituation, in die ein Kind gerät und die es vom Leser mit zu beurteilen und mit zu entscheiden gilt. Im Anhang bittet die Autorin darum, Lösungsvorschläge einzuschicken. Auch Annemarie Norden erzählt ganz kindernahe Episoden. Es sind unverhoffte Ereignisse, die morgen schon bei einem anderen Kind eintreffen können, Geschichten vor der Tür auch hier. Vielleicht nicht zu umgehen, aber auch nicht sehr glücklich, ist eine gewisse Schematisierung und strukturelle Wiederholung des vorgegebenen Erzählmodells, das in immerhin siebzehn Ausgaben die pädagogische Absicht fast überzieht. U. G.