"Bericht vom Stundentraum", Erzählungen von Florian Schwinn. Acht von neun Erzählungen des zweiundzwanzigjährigen Autors sind eher Schreib-Etüden. Versuche, eine Form zu meistern, theoretische Kenntnisse in Geschichten zu verwandeln. Zu lesen ist in diesen Debüt-Erzählungen von Menschen in einem gesellschaftlichen Zwischenbereich. Sie gehören noch nicht zum Establishment, aber auch nicht mehr zur Subkultur, haben sich noch nicht entschieden. Oder sie haben sich entschieden, aber wollen es nicht wahrhaben, denken darum gern an früher, sind verrückt auf Erinnerungen, leiden an Integrationskonflikten. Allerdings müssen sich Schwinns Menschen nicht allein fühlen mit ihren Problemen in der modernen Literatur: Sie sind einsam, leiden; an Kontaktschwächen, fürchten sich, spüren eine große Kälte und laufen weg. So wäre dieses Geschichtenbuch also nicht der Rede wert, gäbe es die eine (einzige) Überraschung nicht, die Erzählung "Unsere weichblutenden Tage", die alle anderen Erzählungen des Buches in Frage stellt, Lügen straft. Denn die übrigen Texte tun so, als gäbe es keine Probleme beim Erzählen und, vor allem, als gäbe es eine moderne Realismus-Debatte nicht. Doch in dieser einen Geschichte problematisiert Schwinn den Erzählvorgang, pfeift auf Erzählmodelle und entdeckt, daß der Wirklichkeitsgehalt eines poetischen Textes mit dem Widerstand wächst, den er unserer alltäglichen Erfahrung entgegensetzt. Immerhin hat Schwinn solche Einsichten schon mehrmals in seinen Texten geäußert. Poetisch durchgeführt hat er sie nur einmal. Schwinn wird sich noch um viele, Zweifel bemühen müssen, damit er beim Erzählen von Geschichten nicht immer vorschnell glaubt, eingefangen zu haben, was war. (Langewiesche-Brandt, Ebenhausen, 1976; 94 S., 9,– DM.)

Helmut Schödel

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"Grundkurs Psychoanalyse", von Sebastian Goeppert: In der Diskussion um die Psychoanalyse erfüllt Goeppert, Jahrgang 1942, Professor für Medizinische Psychologie in Freiburg i. Br., eine Aufgabe, die von vielen Autoren vernachlässigt wird: Er erklärt zuerst einmal, worum es überhaupt geht – mit verständlichen Beschreibungen der psychoanalytischen Situation und der verschiedenen therapeutischen Formen. Seine kompetente Einführung berücksichtigt auch Ansätze, welche die traditionelle, normative Psychiatrie in Frage stellen. In den Kapiteln über Funktion und Situation der Psychoanalyse innerhalb wie gegenüber der Gesellschaft plädiert er gegen das von verschiedenen ideologischen Lagern vertretene Kausaldenken, das "entweder gesellschaftliche Verhältnisse und Veränderungen auf individual- oder massenpsychologisch erklärbare Sachverhalte zurückführt oder umgekehrt psychische Phänomene lediglich als ideologischen Überbau‘ gelten läßt und aus der ökonomischen Struktur der Gesellschaft abzuleiten sucht". Goepperts "Grundkurs Psychoanalyse", mit einem nützlichen "Glossar der wichtigsten psychoanalytischen Termini" im Anhang, richtet sich ausdrücklich an Leser, die nicht selber klinisch tätig sind, an Kunsthistoriker, Literaturkritiker, Linguisten, Soziologen und andere, in deren Fachbereichen psychoanalytische Interpretationen von zunehmender Bedeutung sind – als ein Aspekt, der andere Betrachtungsweisen keinesfalls ausschließt: Psychoanalyse nicht nur als Therapie, sondern als Instrument des Verstehens im weitesten Sinne, (ro-studium 101, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1976; 270 S., 15,80 DM.)

Jürg Altwegg