Düsseldorf: "Hetum Gruber"

Daß Neues in der Kunst aus Bayern kommen kann – wer hätte das vermutet. Blauer Reiter, das ist lange her. Nun, um so großes Geschütz handelt es sich nicht, doch um einen interessanten Ansatz, die Kunst noch stärker als bisher auf reine Tätigkeit und inhaltslosen Intensitätsbeweis zu reduzieren. Viele Künstler in den letzten Jahren begreifen Kunst als permanentes, systematisches Tun von Tag zu Tag; Hanne Darboven oder Roman Opalka schreiben Zahlen und Reihen unendlich fort als konstante Arbeit mit und gegen die Zeit. Bei Hetum Gruber, Jahrgang 1937, fallen die symbolischen und formalen Stützungen weg. Seit Jahren streicht er mit Graphit Millimeter an Millimeter eine Packpapierrolle zu, deren Ende er nicht kennt. Das immer ein bißchen weiter aufgerollte leere Papier und die Zeit vor einem werden identisch: "Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist." Nicht der Inhalt eines Lebenswerkes, sondern seine Obsession und die Problematik des Weitermachens werden hier radikal thematisiert. In seiner Werkgruppe von Schraffuren werden auch die Blätter eines ZEIT-magazin beidseitig in hermetische Blei-Oberflächen verwandelt. Wobei bedruckter Untergrund eine ungemein plastische Oberfläche ergibt, während weißes Papier sich in einer dick schraffierten Mitte derart zusammenzieht, daß diese Mitte, ausgeschnitten, sich ausdehnen würde, weit mehr Fläche hätte als vorgegeben. Das sind physikalische Paradoxien, die zu neuen Kunstverfahren in der Flächenbehandlung animieren könnten. Wichtig für Gruber ist zum einen, das Arbeitsergebnis inmitten seines Prozesses zu plazieren, links erbringt die Unterlage eine Negativform mit scharfem Rand, rechts eine dunkel gefüllte Positivform aus den Druckspuren der Hand, denn rechts wurde die Rückseite schraffiert, lag die durchgearbeitete und unfixierte Vorderseite schon auf. Wichtig zum andern das Format, als "Entscheidungsfeld". So hat er Formate von Romantikern, seinerzeit im Glaspalast verbrannt, nachgebaut und mit konstanter Grau-in-Grau-Energie "ganz in Beschlag genommen und sonst nichts". Und seltsam, wie dieses "und sonst nichts" den Formaten am Nullpunkt der Malerei eine autonome Aura gibt, als kämen Konzeptualität und Dingfestigkeit wieder zusammen. (Art in Progress, bis 24. April)

Georg Jappe

Karlsruhe: "Jean Dubuffet"

"Hourloupe" eine Worterfindung, so Dubuffets Erklärung, die durch die Konsonantenfolge im Französischen ein Objekt oder eine Figur in unwirklicher, grotesker Form evoziert, war von 1962 bis 1972 ein Codewort für die Kunst Dubuffets. "Hourloupe", das waren die aus einzelnen Zellen zusammengefügten Figuren, die sich anfangs vermischt haben mit den graffitiartigen Männlein aus seinen Pariser Straßenansichten, die sich auf einem informellen Grund bewegten. Das waren die Donald-Duck-Gestalten, die sich beim näheren Hinsehen als Telephonistin oder Teetasse entpuppten. Und das waren schließlich die dreidimensionalen Objekte, auch sie mit der charakteristischen, an Glasfenster erinnernden Binnenzeichnung. Mit "Hourloupes Ball" (1973), in dem Dubuffets Malerei in Form einer ständig sich bewegenden, sich verwandelnden Dekoration zur Choreographie aus Farben und Figurationen wurde, kündigte sich Hourloupes Abgang von der Bühne an. Dubuffet hatte die möglichen Transformationen erschöpft, Hourloupes Zellteilung war beendet. Eine Erinnerung also – der Maler, greift in seinen neuen Arbeiten wieder auf die Zeit vor dem Hourloupe-Zyklus zurück. Bislang besteht der Neuansatz nur aus ambitionierten Variationen des Alten. (Kunstverein bis zum 17. April, Katalog 14 Mark)

Hellmut Schneider

Wichtige Ausstellungen: