Von Herbert Heckmann

Man muß bedauern, daß die Frankfurter Mundart nicht überall in Deutschland mühelos verstanden wird. Kurt Sigel wäre sonst zweifellos ein über Frankfurt hinaus bekannter Schriftsteller. Seine drei Bücher in Frankfurter Dialekt: "Feuer, de Maa brennt" (1968), "Zustände in F. un annerswo" (1974) und "Uff Deivelkommraus" (1975) stammen keineswegs aus dem Schmalztopf lokalpatriotischer Behaglichkeit. Kurt Sigel schreibt über Zustände und Ereignisse, die uns alle betreffen, den Hamburger wie den Münchener. Der Dialekt ist ihm ebensowenig Verfremdung wie Kolorjt, sondern schlichtweg die Sprache, die er spricht und in der er die Dinge bei dem Namen nennen kann, der ihnen tatsächlich zukommt. Idiomatische Sicherheit und satirische Unverblümtheit kennzeichnen seine Mundarttexte. Von der rotzfrechen Beschimpfung bis hin zur bewegten Klage, vom surrealen Wortspiel bis hin zur lakonischen Feststellung beherrscht er das Frankfurterische

Als etwas allgemein kritischer und wortspielverliebter hochdeutscher Lyriker hat Kurt Sigel angefangen. Erst in der Mundart ist er konkret satirisch geworden. Jetzt legt er, der unter der mundartlichen Beschränkung leidet, wieder ein hochdeutsches Buch vor –

Kurt Sigel: "Kotilow oder Salto mortale nach innen", Roman; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1977; 149 S., 18,– DM.

Es ist das Porträt eines Schizophrenen, dem die Wirklichkeit nach und nach zerfällt. Ganz auf sein Ich zurückgeworfen, autistisch in sich selber befangen, erfährt er die Welt nur noch als phantastische Möglichkeit. Er glaubt zu fliegen, er fühlt sich als Raupe, Flucht das eine, das andere der Wunsch, sich verwandeln zu können. Die Wörter werden ihm zu Wirklichkeiten: "Wenn Kotilow Baum sagt, hockt er gleich in einer Astgabel, oder pendelt an einem Zweig dicht über dem Boden. Wenn er Fisch sagt, reitet er auf einem goldgeschuppten singenden Fisch durch die Wellen, und wenn er Wolke sagt, sitzt er auf einer schwarzen Wolke hoch über der Stadt."

Aber keine Realität, selbst nicht die Erinnerung hält einer ernsthaften Prüfung stand. Die Täuschung wird ihm zur Realität. Die Wirklichkeit selbst bringt nur Schmerzen, vor denen er sich immer mehr in sein Inneres zurückzieht. Er erwartet nichts Gutes von ihr. "Kotilows Pessimismus hat eine optimistische Eigenschaft: Sie stärkt sein Selbstbewußtsein, denn alles, was er voraussieht, trifft ein." Immer tiefer verirrt sich Kotilow in seinen Wahn. Indem er die Welt verliert, verliert er auch sich selber. "Kotilow ist ein lebendiger Toter, ohne es zu wissen."

Der Roman ist in kurze Abschnitte eingeteilt, in denen die Stationen dieses Wirklichkeitszerfalls mit bemerkenswerter surrealistischer Sprachkraft festgehalten werden. Kotilow ist gleichsam das andere Ich des Satirikers, das die Wirklichkeit nicht attackiert, um sie zu verbessern, sondern das sie von sich stößt, um nicht an ihr zu leiden. Genau das jedoch führt zur Selbstaufhebung. In der Mundart ist es Kurt Sigel unmöglich, keine Satire zu schreiben. Da wehrt er sich und fällt in satirischem Zorn über unsere gesellschaftliche Wirklichkeit her. "So nur isse zu ertrache / die beste aller Weide" Das Hochdeutsche dagegen scheint ihm die Wirklichkeit zu entrücken. Nur aus diesem Zwiespalt ist Kurt Sigel zu verstehen.