Von Rolf Michaelis

Mit Angst habe ich dieses Buch in die Hand genommen. Wie wollte selbst eine sichere Erzählerin wie die 1948 in Schwyz geborene Vorschullehrerin Gertrud Leutenegger den unverkennbar neuen Ton ihres Erstlingsromans "Vorabend" (ZEIT, 2. Mai 1975) noch einmal treffen? Denn daß sie auch "anders" schreiben könne, wie so manche, literarischen Moden brav folgende Schriftsteller, ist unvorstellbar bei dieser Autorin: Sie wirft sich mit Haut und Haar in ihre Texte, gibt sich preis. Welches Glück jetzt, das zweite Buch der Schweizerin jedem Leser empfehlen zu können, dem die zeitgenössische Prosa deutscher Sprache nicht gleichgültig ist –

Gertrud Leutenegger: "Ninive", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 176 Seiten, 20,– DM.

In ihrem Zweiten Roman gelingt der Erzählerin eine – gefährliche – Steigerung des stilistischen Niveaus. Wieder die Mischung aus poetischen Erinnerungen an die Kindheit, Traumsequenzen, Beschwörung der Natur, Beschreibung alltäglicher Ereignisse und dem leisen, gerade deshalb unüberhörbaren Protest gegen den Zustand der Welt. Doch wie bereichert jetzt, um historische, biblische, sinnbildliche, politische Anspielungen, mythische Bilder, Zitate.

Gertrud Leutenegger hat Gespür für Grenzüberschreitungen, für Übergänge von einem Zustand in den andern, für Tonwechsel. Dies ist eine der Quellen ihrer schöpferischen Kraft.

Schon der Titel ihres ersten Buches ist Ausdruck dieser Energie: "Vorabend" – das bedeutet Leben im Heute mit der Sehnsucht nach Morgen. Mit diesem Titel hat sie eine symbolkräftige Chiffre gefunden für die geistige Aufbruchstimmung der sechziger/siebziger Jahre, die sie nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Florenz und Berlin, zwei Zentren jugendlichen Protestes, erlebt hat. Die mit Lust ganz im Augenblick lebende Erzählerin ("Ich lasse mich gern bis zu den Fußsohlen durchrütteln") braucht zur vollen Erfahrung des Daseins Erweiterung der Perspektive – erinnernd in die Vergangenheit, träumend in die Zukunft.

Eine Liebe ohne Zukunft