Von Hayo Matthiesen

Auf der "didacta" 1977 in Hannover war der Stand der Freien Waldorfschulen von Besuchern ständig überlaufen – Symptom für das starke Interesse an Rudolf-Steiner-Schulen wie an privaten Bildungsstätten überhaupt. Der unverändert beängstigende Zustand des staatlichen Erziehungswesens mit Lehrermangel, Stundenausfall, übergroßen Klassen und manchen mißlungenen Experimenten veranlaßt immer mehr Eltern, nach einer Alternative zur öffentlichen Bildungsmisere zu suchen. Die Folge ist ein kräftiger Privatschul-Boom seit einigen Jahren, Über 600 000 Jugendliche werden gegenwärtig in mehr als 3000 nichtstaatlichen Ausbildungsstätten unterrichtet.

"Viele Waldorfschulen müssen schon bei der Aufnahme in die 1. Klasse ebenso viele Kinder abweisen, wie sie aufnehmen können. Noch größer ist die Nachfrage dann für die Klassen 4, 5, 6, 7, 8." Das berichtet aus der Praxis ein Waldorf-Erzieher in Tübingen, der das erste von mehreren fast gleichzeitig publizierten Büchern über die Rudolf-Steiner-Pädagogik herausgebracht hat –

Christoph Lindenberg: "Waldorfschulen – angstfrei lernen, selbstbewußt handeln"; ro-Sachbuch 6904, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1975; 187 S., 4,80 DM.

"Waldorfpädagogik ist gefragt wie nie zuvor. Heute (1976) gibt es allein in der Bundesrepublik siebenundvierzig Schulen... über hundert in der ganzen Welt, und jedes Jahr kommen mehrere hinzu." So beginnt der Erfahrungsbericht über eine dieser Bildungsstätten, über die Rudolf-Steiner-Schule in Bochum

Sönke Bai: "Die Rudolf-Steiner-Schule Ruhrgebiet – Leben, lehren, lernen in einer Waldorf Schule"; ro-sachbuch 6985, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1976; 317 S., 7,80 DM.

Lindenberg hat eine allgemeine Einführung in die Waldorf-Pädagogik geschrieben. Er informiert über soziale und erzieherische Absichten, über Organisationsprobleme, Lernziele, Unterrichtsstile und versucht darzustellen, wie aus einem Lernen ohne Angst allmählich ein Handeln in eigener Verantwortung entsteht. Die Monographie über die Bochumer Schule – mit Photos, Arbeitsplänen, Zeichnungen – exemplifiziert Steiners Theorie am konkreten Beispiel: am Bau der Schule, am Unterricht in Mathematik, Technologie, Eurythmie, Deutsch und Geschichte, an der Erfahrung mit der Arbeitswelt durch Praktika, an Kindergarten, Förderklasse, Lehrerbildung – kein wichtiger Bereich wurde ausgespart.