Von Lutz Lesle

Kurz-kurz-kurz-lang – das Signal bat an Wirkung und Symbolkraft eingebüßt. Kaum jemand, der mit klassischer Musik" lebt und umgeht, vernimmt es heute ohne ein leises Gefühl von Überdruß. Und dennoch scheint es, als sei der gesellschaftliche Kurswert des Meisterwerks immer noch beträchtlich.

Wie sonst wäre es zu erklären, daß geschäftstüchtige Arrangeure nicht müde werden, diese und andere tantiemefrei verwertbare Kompositionen den Sinfonieorchestern und Konzertpianisten abspenstig zu machen, um sie, wohlfeil zugerichtet und meist in Zuckerwatte verpackt, den Leuten schmackhaft zu machen? Die Verkaufszahlen der "Classic Hits" belegen: Hier gibt es ein Bedürfnis zu befriedigen. Wer oder was dieses Bedürfnis erzeugt, ob es von den Marktbeschickern hochgepäppelt wird oder ob die Frustrationen des Alltags, das Verlangen nach Geborgenheit und Nestwärme solche "Konstrastprogramme" nähren, bleibe dahingestellt. Ludwig van Beethoven jedenfalls vermag offenbar für dieses Bedürfnis einzustehen.

Die Aufforderung an ihn, doch herüberzukommen in die Sphäre der Popmusik, liegt lange zurück. Der Rock-Gitarrist Chuck Berry ernannte den Heros der Wiener Klassik 1956 zu seinesgleichen: "Roll over, Beethoven," Damals schlug die Geburtsstunde des Rock ’n’ Roll. Beim konservativen Publikum in den Vereinigten Staaten gingen damals die Wogen der Empörung über diese lärmende Unmusik hoch.

Da wagte also ein farbiger Rockmusiker, dem Idol weißer Musikkultur die Duzfreundschaft anzutragen. Diese demonstrative Geste, die dem elitären Gehabe der oberen Gesellschaftsschicht in den USA eins auswischen wollte, hat in der Folge Schule gemacht. Die Beatles haben den Song aufgegriffen, mit ihnen manche anderen Musiker der "Szene": Und so entstand allmählich ein Kapitel Wirkungsgeschichte Beethovens innerhalb der Popmusik. Das bildungsbürgerliche Entweder/Oder, "Beethoven oder Rock", versuchten die Rockmusiker als ideologisches Vorurteil zu entlarven. Sie propagierten "Rock mit Beethoven".

Sicher aber war es nicht nur ein Votum für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß, wenn sich in den sechziger Jahren Beatgruppen mit Sinfonieorchestern zusammentaten oder "Rock-Klassiker" sich ein breiteres Publikum zu erschließen suchten, indem sie ihren Improvisation nen klassische Themen zugrunde legten. Den Erfolg am Verbrauchermarkt hatten ihre Manager natürlich auch im Auge: Jugendliche der Mittelklasse, deren Eltern sich in der Klavierstunde mit dem Albumblatt für Elise amüsiert hatten, fühlten sich durch Klassik-Rock-Mixturen durchaus angesprochen.

Das Beethoven-Fieber griff in Pop-Land rasch um sich. Eine längst vergessene Band taufte sich gar "The Beathovens". Vor neun Jahren trat die holländische Gruppe Ekseption mit dem Titel "The Fifth" auf den Plan und zog das Kultursignal Kurz-kurz-kurz-lang in rockiges Gelände hinüber. Sie tut das nicht ungeschickt: Zunächst geben die Holländer der originalen Orchesterbesetzung die Ehre, sie verhallt schicksalsschwanger; dann passieren ungeniert weitere Hoheitszeichen Beethovens Revue: die Anfangstakte der Mondscheinsonate, die "Mannheimer Rakete" aus der Klaviersonate f-Moll op. 2,1; schließlich drängt sich die "Fünfte" wieder vor, erst rockig gebrochen und schlagzeuggepeitscht, zuletzt sogar in der "Urfassung".