Von Hans Krieger

Ohne Lüge leben – wer möchte das nicht, wer aber will es wirklich, und wer gar kann es sich leisten? Aus Lügen gewebt so scheint es, sind die Konventionen des geselligen Verkehrs, und wer meint, gradheraus sagen und zeigen zu dürfen, wie er denkt und fühlt hat auf den Schaden nicht lange zu warten. Lüge noch sind unsere reinsten Überzeugungen, wenn die Psychoanalytiker recht haben mit der Vermutung, daß edle Regungen egoistische Triebwünsche maskieren – im Sinne jener Anekdote nach der Freud einem jungen Mann, der von seinem leidenschaftlichen Drang sprach, anderer. Menschen zu helfen, erwidert haben soll: „Ich hab’s mir gleich gedacht, daß Sie ein Sadist sind.“

Derselbe Freud freilich, der uns auch noch bei der unbewußten Lüge ertappte, fand der Wahrheitsdrang des Menschen doch stärker, „als man ihn für gewöhnlich einschätzt“, und hatte auch dafür Beweise: in jenen Versprechern und ähnlichen „Fehlleistungen“, in denen die verborgene Wahrheit ans Licht dringt, als ob irgend etwas in uns sich gegen das Lügenmüssen sträube Hat also der Mensch, als ein soziales Wesen, einen „natürlichen Hang zur Wahrheit“?

Arno Plack, der Freuds Satz über den in der Fehlhandlung hervorbrechenden Wahrheitsdrang in seinem neuen Buch zitiert –

Arno Plack: „Ohne Lüge leben – Zur Situation des Einzelnen in der Gesellschaft“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1977; 447 Seiten, 29,80 DM

ist dieser Meinung. Ohne Lüge leben zu können, ist das verschwiegene Ideal, dem die heimliche Hoffnung gilt – nicht weil ein moralischer Imperativ es fordert, sondern „weil unverkrampfte Offenheit nervlich entspannt ein Lügengebäude aufrechtzuerhalten, kostet Energie und erzeugt Streß. Ohne Lüge leben, müßte demnach möglich sein, denn unmöglich ist das Naturwidrige kann aber wider die Natur sein, wonach, unsere Natur verlangt?

Doch zunächst gilt es ein Stutzen nicht zu unterdrücken: Sollte Arno Plack, der kritische Gesellschaftsanalytiker – als „Sozialethiker“ wurde er unlängst in einer Fernsehdiskussion vorgestellt, bei der er mit dem offenen Gesicht eines zu gemeinsamer Wahrheitssuche Bereiten angenehm abstach von den hinter Meinung und Wissen verschanzten Charaktermasken –, sollte Arno Plack unter die Moralisten gegangen sein? Er war es, das neue Buch zeigt es nur deutlicher, wohl immer; Moralist freilich, in dem Sinne, in dem die französischen Aufklärer und noch Nietzsche das Wort gebrauchten: nicht für den eifernden Prediger, sondern für den scharfblickenden Erforscher des menschlichen Handelns.