Von Felix Spies

Die Deutschen (West) waren ziemlich sicher, den Auftrag in der Tasche zu haben: Nach vielen Bedenken akzeptierte der bundeseigene Salzgitter-Konzern, sich die rund 600 Millionen Mark für das neue Stahlwerk in Neubrandenburg voll in Waren bezahlen zu lassen – 70 Prozent in Stahl aus der kommenden Produktion, den Rest in Maschinen.

Doch die Deutschen (Ost) rechneten wie echte Kapitalisten. Deshalb gaben sie ganz zuletzt dann doch einem anderen Anbieter den Zuschlag: Der italienische Stahlkonzern Danieli war nämlich ebenfalls bereit, das neue Werk in Brandenburg allein gegen Waren zu bauen – und obendrein noch etwas billiger.

Wer der Deutschen Demokratischen Republik etwas verkaufen will, wofür es im Westen auch andere Anbieter gibt, der wird seit etwa zwei Jahren immer öfter mit der Gegenofferte konfrontiert, für einen Teil, meist sogar für den ganzen Kaufpreis Produkte aus volkseigener Produktion abzunehmen. Denn der Arbeiter- und Bauernstaat steckt in der Zwickmühle: Durch die hohen Defizite im Westhandel fehlt es der DDR chronisch an Devisen. Bremst sie aber deshalb die Einfuhr fortgeschrittener kapitalistischer Technologie, gerät der weitere Aufbau des Sozialismus ins Stocken.

"Die Kompensation ist lästig", klagt Hans-Joachim Kirchner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. "Doch sie ist so alt wie der Osthandel, und niemand kann sie verbieten." Niemand will sie auch verbieten – zumindest überall dort nicht, wo sie einen Zug ins Große hat. Derselbe Salzgitter-Konzern, der jetzt in Neubrandenburg leer ausgegangen ist, baut derzeit in Gorki an der Wolga und in Sewerodonezk in der Ukraine zwei Chemie-Anlagen, deren Bausumme von zusammen fast 375 Millionen Mark die Sowjets über die Lieferung chemischer Produkte an die Bochako – Bochumer Chemie- und Handelskontor GmbH in Frankfurt bezahlen werden.

Ein anderes, noch sehr viel größeres west-östliches Tauschgeschäft ist bereits ein Klassiker: Am 1. Januar des nächsten Jahres kommt an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze bei Waidhaus die erste Lieferung aus dem dritten deutschsowjetischen Erdgas-Röhren-Geschäft an. Gegen 950 000 Tonnen Großrohre von Thyssen und Mannesmann pumpt die Sowjetunion bis zum Jahr 2000 via Pipeline durch die Tschechoslowakei jährlich mindestens 2,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas in die Bundesrepublik. Dem 1,5-Milliarden-Mark-Tauschhandel waren die beiden Erdgas-Röhren-Abkommen von 1970 und 1972 vorausgegangen, mit denen die Russen 2,8 Millionen Tonnen Großröhren kontrahierten. Dafür strömten zwischen 1973 und der Jahrtausendwende über 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland.

Kleineren deutschen Ostexporteuren macht der vor allem von der DDR und Rumänien forcierte Tauschhandel erhebliches Kopfzerbrechen. Anders als Großunternehmen wie Daimler-Benz oder die Gutehoffnungshütte, VW oder Krupp, die Kaninchenfelle, Glühbirnen, Kartoffelstärke oder Textilien über ihre eigenen Handelsgesellschaften und zu einem ordentlichen Preis wieder loswerden können, müssen sich Gelegenheits-Osthändler vor jedem Ausfuhrgeschäft mit einer, der auf Kompensation spezialisierten inländischen Handelsfirmen über Wert und Absatzmöglichkeiten der aus dem Osten drohenden Ware einig werden.