ARD, Freitag, 1. April, 20.15 Uhr: "Wir über uns"

Bislang hatte es nur zu Fehlschlägen gereicht: "Mikado" mochte selber keine kritischen Ambitionen entwickeln, "Glashaus" hatte mehrfach abgesetzt werden müssen, weil allzu viel allzu kritisch aus dem Nähkästchen geplaudert wurde, und die neue "Kritik am Sonntagabend" geriet, wenn das eigene Nest in die Gefahr der Beschmutzung rutschte, allenfalls zu wortreichem freundlichen Plaudern,

Aber Funkintendanten sind zuversichtlicher und risikofreudiger, als ihr Ruf wahrhaben will. Auf der letzten Koordinationsitzung in München kamen die Vertreter von ARD und ZDF überein, einen neuen, diesmal gemeinsamen Versuch zu starten: in Magazinform mit Beiträgen aus beiden Systemen, um der Ausgewogenheit willen moderiert abwechselnd von Gerhard Löwenthal und Peter Merseburger. An diesem Freitag also die erste Sendung.

Drei Beiträge, drei Stichworte, drei Sündenbekenntnisse. Zum einen die Rolle der freien Mitarbeiter, jener Autoren vor allem also, denen es nicht gelungen ist, ihre Anerkennung als verkappte Arbeitnehmer und damit ihr Anrecht auf Festanstellung juristisch zu erzwingen. Erstaunlich freimütig der Personalchef des NDR, der entgegen höchster Anordnung uns jene Verordnung kundtut, nach der ein völlig Freier zur Vermeidung von Festanstellungsansprüchen jetzt nur noch einmal pro Jahr beschäftigt werden darf. Erstaunlich wagemutig auch der Vertreter der Fachgewerkschaft RFFU, der seiner Organisation und deren Uneinsichtigkeit in die Folgen ihrer Starrheit die Hauptschuld an dem Dilemma gibt. Erstaunlich vor allem aber die Konsequenz der Intendanten, die beschlossen haben, einen bundesweiten Autorenpool einzurichten und die Mitarbeiter von Anstalt zu Anstalt auszutauschen.

Dann die sogenannte Ausgewogenheit, Einem Vorschlag des Hildesheimer Pädagogen und Mediendidaktikers Herbert Heinrichs entsprechend, der bislang die in beiden überregionalen Programmen vorkommenden Leichen zählt, wird von diesem Freitag an ein überparteiliches Gremium exakt die Sekunden, getrennt nach Bild und Ton, registrieren, in denen die Vertreter der einzelnen Parteien auftreten. Darüber hinaus wird nach einem System, das der Telescopie ähnelt – welches die Einschaltungsquoten ermittelt – nun auch eine repräsentativ ausgewählte Gruppe von Fernsehteilnehmern die gesehenen Sendungen mit einem Index beurteilen. Ähnlich wie in den früheren Schulzensuren werden. Noten von eins bis fünf, geschrieben jeweils von schwarzen und roten Ziffern, vergeben.

Endlich der Proporz. An Hand einer minuziösen Darstellung jener Vorgänge im Fernsehrat des ZDF anläßlich der Wahl des neuen Intendanten macht Fritz Hufen, der Pressechef der Länderanstalt, klar, wie sehr bisher die Rolle der parteiunabhängigen Mitglieder des Gremiums unterschätzt wurde, wenn etwa die Vertreter des Sportbundes oder der Familienarbeit, des Zentralrates der Juden oder der deutschen Landwirtschaft sich zu Sprechern eines Parteifreundeskreises entwickeln. Vorzüglich die Anregung von Staatssekretär Bölling, eine bundesweite Liste all jener vom Proporz betroffenen Positionen, von den Intendanten bis hinunter zu den Abteilungsleitern, aufzustellen und deren jeweilige Parteiobligation festzulegen, wobei das statistische Bundesamt die jeweiligen Veränderungen nach Bundestags- und Landtagswahlen durchführen wird.

Empörung allerdings muß empfinden, wer Merseburgers Moderationseinwand bedenkt, daß in Zukunft, um Querelen wie die über die Beschäftigung Peter Homanns beim NDR zu vermeiden, alle Autoren politischer Porträts zuvor eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Verfassungsschutzes beibringen sollen. Das Ausgewogenheitsempfinden Gerhard Löwenthals muß da empfindlich tangiert werden – schließlich hätte er keine entsprechende Persilschein-Behörde zur Verfügung. Heinz Josef Herbort