Von Urs Widmer

Nach der Klavierschule Carl Czernys, eines fruchtbaren Komponisten, dessen Schicksal es ist, mit diesem einzigen Werk zu überleben, heißt Gert Jonkes neues Prosabuch –

Gert Jonke: "Schule der Geläufigkeit"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 200 S., 18,–DM.

Der Titel ist nicht ohne Ironie, denn vom Klavierspielen ist dauernd die Rede, noch mehr aber von den Versuchen, das Leben jenseits des Klavierspielens einigermaßen geläufig durchzustehen.

Jonkes Buch besteht aus zwei langen Erzählungen, die man unabhängig voneinander oder auch als zusammenhängende Teile einer Geschichte lesen mag. Verbindungslinien gibt es viele. Die deutlichste ist der Ich-Erzähler, ein junger Komponist, der in seiner wachsamen Gefährdung einem poetischen, zuweilen ironischen Selbstporträt Gert Jonkes nicht allzu unähnlich sieht. Beide Erzählungen wirken wie verschiedene Metaphern für gleiche Sehnsüchte und Ängste. Es sind überwach gesehene Träume oder, wenn man will, träumend gesehene Wirklichkeiten. Sie machen die Wirklichkeit unserer Wirklichkeit unsicher – aber Jonke treibt dabei gewiß nicht freiwillig ein surreales, Spielchen mit uns, sondern er ist sich selbst seiner eigenen Wirklichkeit nie sicher. Er ist ein Autor, dem wohl vieles unklar geblieben ist in einer Gesellschaft, die unbeirrbar, mit dem Schlachtruf "Alles klar" auf den Lippen, einem Horizont aus Pech und Schwefel zustürmt.

Beide Erzählungen sind Künstlergeschichten. In der ersten (in der vor allem Jonke eine außerordentliche Meisterschaft der Geläufigkeit zeigt) besucht der Komponist ("Ich") ein Fest, das sich als eine vorausgeplante genaue Wiederholung eines Festes erweist, das ein Jahr zuvor stattgefunden hat. Dieselben Gäste führen dieselben Gespräche miteinander, dasselbe kalte Büfett wird auf die gleiche Weise kahlgefressen, wieder stehen im Garten Bilder, auf denen das abgebildet ist, was sie verdecken. Derselbe Pianist spielt dieselben Klavierstücke (auch diesmal hat er seinen Gürtel vergessen und den Schlüssel zum Klavier). Wieder trinkt ein Jungdichter (später hängen die Tüchtigen unter den Gästen ihn in einen Baum) eine Bierflasche in fünf Sekunden aus, während Bier doch selbst im freien Fall sieben Sekunden braucht, um aus einer Flasche zu fließen. Erneut erklingt plötzlich "unbeschreiblich" schöne Musik aus einem heitern Himmel, am Ufer eines einsamen Teichs. Und wiederum lieben sich Johanna und der Komponist im Morgengrauen im leeren Schwimmbads "Du willst, sagte ich, Erinnerung in Gegenwart zurückverwandeln, doch die Naturgesetze lassen dies nicht zu. Naturgesetze, erwiderte Johanna, du sprichst wirklich von Naturgesetzen? Ist es nicht zu einem Naturgesetz geworden, daß sich nicht nur im vergangenen Jahr so gut wie nichts verändert hat, sondern alles gleich geblieben ist, und zwar in einem gleichgebliebenen Maße untragbar ungerecht und miserabel? Und ist es nicht zu einem Naturgesetz egworden, daß wir den uns umgebenden Stumpfsinn und die herrschenden unhaltbaren Verhältnisse derart hervorragend zu konservieren, verstanden haben, daß unser Versuch der Wiederholung des Festes wie ein Kinderspiel anmutet?"

In der zweiten Erzählung. (deren Titel nicht ohne fröhliche Distanz "Gradus ad Parnassum" ist) hat der Komponist dann einen Bruder. Die beiden wirken wie die zwei Seelen, die in unserer (in Gert Jonkes) Brust wohnen. Der Komponist ("Ich") spürt nun überdeutlich alle Anspannungen einer Alkoholentziehungskur in sich. Der Bruder jedoch, obwohl auch er Musik studiert hat, hat sich für den Weg der robusten Tüchtigkeit entschieden. Er ist Spediteur geworden und transportiert die Klaviere, auf denen er früher gespielt hat. Und er hat für die Sätze seines Bruders kein Verständnis: "Wie lange schon hatte ich mich selbst eigentlich kaum mehr als etwas Persönliches empfinden können, sondern nur mehr als einen (mehr oder weniger miserablen) Zustand, der mir durch meinen Kopf angezeigt wurde, und das war vermutlich der Grund, weshalb ich meinen Kopf... mit einer etwa unendlich geometrisch ablaufenden Systematik bis zu diesem Punkt meines Lebens mir nach und nach so mundfertig zurechtruiniert habe."