Von Hans Schueler

Der General schwamm auf einer Woge von Selbstmitleid. Seine Dankadresse an Ulrich de Maizière für die Überreichung der Clausewitz-Büste liest sich wie ein Stück aus einem autobiographischen Schlüsselroman: An den Reformer Clausewitz werde die Büste erinnern – einen "Reformer kraft geistiger Überlegenheit, benötigt nur in den Jahren von allen erkannter Not, genutzt und später, wie andere Reformer damals, kaltgestellt, weil ihr unabhängiger Geist gefährlich schien". Schicksal auch des Reformers und Generalmajors der Bundeswehr, Dr. Eberhard Wagemann?

Zwei Sätze weiter schlug er sich mit einem Clausewitz-Zitat direkt an die eigene Büste: "Es ist mein Stolz, dem Vaterland zu dienen, und mein doppelter Stolz, unter demütigenden Bedingungen. Ich werde diese Bedingungen erfüllen." Der Preuße hatte den Satz im Jahre 1813 in einem Brief an seine Frau geschrieben. Sein König wollte ihn nach der Rückkehr aus russischen Generalstabsdiensten nur als Oberst wiedereinstellen und damit halbwegs degradieren. Clausewitz durfte verbittert sein. Schließlich war er aus purer Vaterlandsliebe zu den Russen gegangen; das preußische Kriegsbündnis mit Napoleon erschien seinem Gewissen unerträglich.

Was hat Wagemann so sehr gedemütigt? Sein Dienstherr, der Verteidigungsminister Georg Leber, will ihn ein Jahr vor Erreichen der für Generale allgemein geltenden Altersgrenze verabschieden. Das ist eine zulässige und seit langem in der Bundeswehr zwecks Verjüngung der Generalität übliche Maßnahme. Zugleich mit Wagemann wird denn auch ein Dutzend seiner Altersgenossen im Generalsrang vorzeitig seine Posten räumen.

Rechtfertigt dies die bewegte, vor der Öffentlichkeit der 20-Jahr-Feier der Führungsakademie vorgetragene Klage und den Vergleich mit den Leiden eines Clausewitz? Handelte der Minister Leber an seinem Wagemann ebenso schnöde wie einst Friedrich Wilhelm III. an seinem Clausewitz? Der hatte in seinem Hauptwerk "Vom Kriege" allen militärischen Führern nahegelegt, "den rechten Gebrauch und den Mißbrauch der Beispiele besonders ins Auge zu fassen".

Gewiß, der General durfte sich, seit er – 1974 – Kommandeur der Führungsakademie wurde, von seinen Vorgesetzten zuweilen düpiert fühlen. Im November 1975 ermunterte ihn der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, der ruhmlos aus dem Amt geschiedene Schmidt-Würgendorf, "bereits jetzt Alters nativen für eine geänderte Zusammensetzung und eine verbesserte Geschäftsordnung (des sogenannten Konsiliums der Akademie) entwickeln zu lassen und mir vorzulegen". Es ging dabei um die Mitverantwortung der Lernenden und der zivilen Wissenschaftlichen Räte für das Lernprogramm. Wagemann, so dürfen wii glauben, war diese reformerische Ermunterung weniger lieb als der ihm kurz danach mündlich erteilte Befehl des damaligen Generalinspekteurs Zimmermann, über eine neue Geschäftsordnung nicht einmal mehr diskutieren zu lassen. Er führte den Befehl aus und geriet darob ins Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung. Linke Kommentatoren nannten ihn einen Reaktionär, der er nachweislich nicht ist. Aber er bekam auch Beifall, wenngleich zum Teil von der falschen, reaktionären Seite.

Seine Vorgesetzten, jammerte Wagemann jetzt vor den Löwenthal-Kameras, hätten ihn in der Diskussion um den Zimmermann-Befehl allein gelassen. Auch das trifft zu. Sie hätten den Wagemann-Kritikern immerhin sagen können, daß in Blankenese nur der Sack geprügelt werde, während die Esel auf der Bonner Hardthöhe säßen. Aber der Presse den Mund verbieten, konnte Georg Leber beim besten Willen nicht.