Von Karl-Heinz Janßen

Vor Jahresfrist hat der Wehrbeauftragte des Bundestages öffentlich darüber geklagt, daß viele Soldaten zu brav seien und, wenn überhaupt, berechtigte Klagen "nur allzu zögernd und zurückhaltend vorbringen. Nun wird ein General öffentlich gerüffelt, weil er nicht brav genug ist. Dabei hat er nichts weiter verbrochen, als eine berechtigte Klage allzu zögernd und zurückhaltend vorzubringen.

Die Verantwortlichen auf der Bonner Hardthöhe stellen sich an, als wünschten sie sich lauter Generale mit Maulkörben. Da ist die Rede von Disziplinlosigkeit, von Illoyalität, von unmöglichem Verhalten, von grober Geschmacklosigkeit. Nicht nur im Verteidigungsministerium, nein, auch im Kreis um die Reformergruppe des Grafen Baudissin hört man ähnliche Töne: "Wenn ein General öffentlich so mit seinem Oberbefehlshaber, dem Minister Leber, verfährt, dann kann sich das künftig auch jeder Gefreite mit seinem Kompaniechef erlauben."

Aber was hat denn der Staatsbürger in Uniform Eberhard Wagemann anderes getan, als sein Grundrecht der freien Meinungsäußerung zu gebrauchen? Ein Fernsehreporter hatte ihn, im Beisein des Ministers, um seine persönliche Meinung gebeten, ob er die von Georg Leber zuvor genannten Gründe für seine vorzeitige Entlassung aus dem Dienst als echt ansieht. Der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums hatte die Frage zugelassen, der Minister nicht widersprochen. Was hätte Generalmajor Wagemann tun sollen? Kneifen ("No comment")? Lügen? Dazu ist dieser gradlinige Offizier nicht der Mann. Dem Reporter sagen, er werde ihm seine private Meinung nachher im stillen Kämmerlein anvertrauen? Spätestens in der nächsten Sendung des ZDF-Magazins wäre sie doch öffentlich gewesen. Also entschied sich der General für die Wahrheit: Seinem subjektiven Eindruck nach seien andere Gründe maßgebend gewesen. Vom aufgebrachten Minister dazu aufgefordert, nannte er sie dann beim Namen. Übrigens hat er nie von "politischen Gründen" gesprochen, wie ihm dauernd unterstellt wird.

Der Generalinspekteur nimmt ihm krumm, daß er die Anwesenheit von Presse und Fernsehen dazu "mißbraucht" habe, um auf sich und seine Schwierigkeiten an der Führungsakademie aufmerksam zu machen. Das heißt den Gaul vom Schweife her zäumen. Nicht Wagemann, sondern das Ministerium war es, das die Öffentlichkeit hergestellt hat. Wenn man schon eine Pressekonferenz in die Führungsakademie einberuft, an einen Ort also, der in den letzten Jahren mehrmals ins Gerede kam, dann muß man wissen, daß dort sicherlich nicht nach AWACS oder "Leo" gefragt wird. Oder wollte Georg Leber unbedingt demonstrieren, daß Generale in diesem Staate zu parieren und ansonsten den Mund zu halten haben, auch wenn sie ins Unrecht gesetzt, ungerecht behandelt werden?

Die Deutschen müßten sich daran gewöhnen, meinte der Minister, daß die vorzeitige Pensionierung von Generalen (zwecks Verjüngung des Offizierkorps) "eine wichtige Führungsaufgabe" sei. Daß sie solches schweigend hinzunehmen hatten, daran sind deutsche Militärs seit Preußens Tagen gewöhnt. Als der Generalstabschef Graf Waldersee von Wilhelm II. nach Altona abkommandiert wurde, schluckte er seinen Groll hinunter: "Es ziemt dem Soldaten nicht, nach den Gründen zu forschen." Und auch noch der General von Seeckt forderte von seinen Offizieren "Opfer, nicht das Opfer der inneren Überzeugung, wohl aber das der freien Willensmeinung und Willensbetätigung". Aus dieser Gesinnung wuchsen dann jene Feldmarschälle, die vor einem verbrecherischen Diktator strammstanden, anstatt ihre Meinung zu äußern.

Indes, solche Haltung war falschverstandenes Preußentum. Carl von Clausewitz, der Führungsakademie als Vorbild hingestellt, hat in seinen berühmten "Drei Bekenntnissen" erklärt, "daß ich jeden Gedanken und jedes Gefühl in mir vor allen meinen Mitbürgern mit offener Stirne bekennen darf". Diesen Bekennermut hat auch General Wagemann mehr als einmal gezeigt; darum war ihm – im Festsaale, aber auch draußen – der Beifall vieler Kameraden sicher, als er das Clausewitz-Wort vom Stolz auf das Dienen "unter demütigenden Bedingungen" zitierte. Er hat den zweiten Satz nicht unterschlagen: "Ich werde diese Bedingungen erfüllen."

Auch Wagemann hat jahrelang ungerechte Kritik schweigend ertragen; er hat nicht die Publizität gesucht, nach der es ihn so gedürstet haben soll. Gut, er hätte seinen Abschied erbitten können, als ihn seine militärischen und politischen Vorgesetzten ohne Schirm im Regen stehenließen. Aber er vergaß nie, daß auch in der Demokratie (so Wagemann 1975 in der ZEIT) Legitimation und Wirkungsmöglichkeit des Soldaten "allein auf Gehorsam und Loyalität beruhen". Er blieb – um der Sache willen, der er zu dienen hat. Und er bleibt auch jetzt, obwohl ihm nahegelegt wurde, sich beurlauben zu lassen. Es kann der Sache nicht schaden, wenn ein General sein Recht auf freie Meinungsäußerung bis zum letzten verteidigt.