Von Peter Laemmle

Eine aufwendige, strapaziöse Lektüre: leise vor mich hinächzend habe ich dieses Buch gelesen – mit Ruhepausen nach jedem Kapitel. Die braucht man, denn überblättern, überlesen darf man hier nichts; gerade die scheinbar beiläufigen Nebensätze enthalten winzige, für den Fortgang und das Verständnis(?) wichtige Informationen.

Es ist von einer planvoll enervierenden Widerwärtigkeit, dieses Buch. Und doch setzt man sich ihm mit einer ans Masochistische grenzenden Lust bis zum Ende aus. Das muß mit den erzählerischen Verführungskünsten des Autors zusammenhängen, mit diesen Vexierspielen aus Vorahnungen, Nichtglaubenwollen und dann doch Glaubenmüssen.

"Spiel", das ist denn doch eine zu freundliche Bezeichnung für das, was in diesem Buch geschieht: es findet dort eine Exekution statt, blutrünstig in den Details, wissenschaftlich-akribisch in der Methode.

Exekutiert wird eine Familie, man könnte auch sagen, die Familie als soziale Einrichtung, Kein Wunder also, daß man sich als Leser plötzlich angenagt fühlt von Betroffenheit, von Einsicht: Ein Stückchen von einem selbst wird hier mitexekutiert.

Das also verbirgt sich hinter dem bukolisch klingenden Namen eines neuen Autors und dem eher harmlos mißverständlichen Titel –

Peter Schalmey: "Meine Schwester und ich", Roman; Hanser Verlag, München, 1977; 267 Seiten, 24,80 QM.