Nachlässiges Denken

Von Fritz J. Raddatz

Fast ein Skandal. Gerade für den Verehrer von Herbert Marcuses seriösen Büchern, seiner Luzidität und Dialektik ist dies Traktat ein Ärgernis. Das Buch hätte nicht erscheinen dürfen –

Herbert Marcuse: "Die Permanenz der Kunst – Wider eine bestimmte marxistische Ästhetik", Essay; RH 206, Hanser Verlag, München, 1977; 77 S., 8,80 DM.

Man fragt sich bereits, wie die sehr locker bedruckten 77 Seiten des kleinformatigen Bändchens – nach Abzug der üppig Verstreuten Zitate verbliebe wohl knapp ausreichend Text für einen Zeitschriftenaufsatz – den bombastischen Titel und den nicht weniger anspruchsvollen Untertitel rechtfertigen können. Gewiß, gewiß – Einsteins Relativitätstheorie umfaßte 80 Seiten. Doch Genieblitz und Polaroidblitz sind zweierlei. Marcuses Schnellabzug zeigt aber noch eine andere Überraschung: Zu sehen ist die Kontur Theodor W. Adornos und sonst gar nichts.

Marcuse vertritt die These, wahre Kunst sei autonom, sei nicht Waffe im Klassenkampf, sei sperrig bis zum Elitären, und ihre Radikalität liege nur dort, nicht in irgendeiner Volksverbundenheit. "Revolutionäre Kunst kann sehr wohl zum Volksfeind werden", heißt es bei ihm, und: "Die ästhetische Form ist eine Form der Wahrheit" Wohl wahr – nur ist das alles nahezu wörtlich bei einem anderen Autor nachzulesen.

Was hier passiert ist, liegt an der Grenze des Legitimen. Die ungewöhnlich lange Danksagung an allerlei Mitleser endet mit dem Satz: "Wie viel ich der ästhetischen Theorie Theodor Adornos verdanke, bedarf keines besonderen Hinweises." Das, gerade, fragt sich. Was nämlich fehlt, ist der Hinweis, daß es sich um nichts, aber auch gar nichts handelt bei diesem Essay als um Nachzeichnen der kunsttheoretischen Gedankenlinien Adornos. Gäbe sich die Arbeit aus als eine Untersuchung über diese Theorie, dann wäre das ein mögliches Verfahren; es als eigene Arbeit auszugeben, ist ein reinliches nicht mehr.

Adornos zentrale ästhetische Kategorie ist die von der "Authentizität" des Kunstwerks, die nicht entsteht aus Realitäts-Abbild oder Anbiederung; es konstituiert sich vielmehr als individualitätsgeprägte autonome Antiweit: "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt paßt." Das liest sich bei Marcuse so: "In diesem Sinn ist jedes authentische Kunstwerk Anklage, Rebellion, Hoffnung. Es steht gegen die Wirklichkeit, die es doch repräsentiert. Daß die Welt auch so ist, wie sie im Kunstwerk erscheint – das ist die Wahrheit der Kunst, die in der ästhetischen Form zum Ausdruck kommt."

Nachlässiges Denken

Adorno wehrt sich gegen das "Engagement in der Kunst" – wie eine seiner Studien heißt – als ein;-meist zu kurz greifendes Verstehen von Kunst und setzt dem entgegen seinen eigenen Wahrheitsbegriff, den jedes echte "œuvre d’art", auch noch das sublimierteste, birgt; dessen Aufbruch wie Hoffnung definiert Adorno in dem Satz: "Es soll anders sein"; Urzentrum der Kunst, a-"gesellschaftlich", aber sozial. Das liest sich bei Marcuse so: "In sinnlicher Konkretion steht die Kunst gegen die Gesellschaft. Ihre Autonomie enthält den kategorischen Imperativ: es muß anders werden." Einer falschen, weil flachen Weltlichkeit von Kunst setzt Adorno die vorgebliche "Weltlosigkeit" Kafkas und Becketts entgegen – beide prompt von Marcuse als Kronzeugen in Anspruch genommen. Adorno denunziert das Versprechen der Aussöhnung im Kunstwerk, wehrt sich gegen unmittelbare Wirkung und "moralische Anstalt", deren verkommenste Variante die Hoffnungsglättung des Hollywood-Films ist, das "happy-end".

Das liest sich bei Marcuse so: "Die authentischen Kunstwerke wissen das. Sie dementieren das allzuleichte Versprechen; sie versagen sich das unbeschwerte Happy-End."

Marcuses kleine Schrift verrät an keiner Stelle einen eigenen Gedanken; er definiert nicht einmal seine Ausgangsposition: Was denn das nun sei, die "Marxistische Ästhetik" – oder auch nur die, gegen die er polemisieren will, die orthodoxe – wird nirgendwo gesagt. So konstituiert sich überhaupt kein denkerischer Zusammenhang, vielmehr ein nahezu wahlloser Zickzacklauf. Hier ein Quentchen Lu Märten, da eine Anspielung auf Goldmann, dort ein Hinweis auf Benjamin oder Habermas. Slalom zwischen Theoriewimpelchen. Aber ohne Neuschnee.

Das ist nun wirklich alles besser, gründlicher und origineller erarbeitet worden. Origineller an den Stellen nämlich, an denen Marcuse eigene Positionen bestimmen will, wird es die schien Platitüde: "Die ausgestellte Suppenbüchse vermittelt nichts über das Leben des Fabrikarbeiters, der sie hergestellt hat." Im Augenblick, in den Marcuse sich einem echten Problem materialistischer Ästhetik nähert, weicht er sofort aus. Die Frage etwa, ob es faschistische Kunst geben kann, wäre eine Überlegung wert. Man muß da nicht – wie Marcuse – immer "Leni Riefenstahl rufen; und man darf seriöserweise nicht so tun, als habe es keinen Céline gegeben, keiner. Montherlant, keinen Ezra Pound, keinen Carrà und keinen Furtwängler. Mir scheint, hier liegt eines der interessantesten Probleme der modernen Kunsttheorie; ein Buch des Titels "Die Permanenz der Kunst" sollte sich nicht mit diesen; Satz bescheiden: "Wenn das Schöne wesentliche Qualität der Kunst ist, dann kann es kein faschistisches Kunstwerk geben."

Banalität hat meist eine Entsprechung: das Vage. Das Büchlein, das ernsthaft "Einleitung" und "Schluß" von je dreieinhalb Seiten hat könnte rührend genannt werden, verböte sich der Ausdruck nicht bei einem Autor namens Herbert Marcuse; präzise aber kann es auch nicht genannt werden. Er steht mit beiden Beinen fest in der Wolken: "Die Autonomie der Kunst reflektier; die Unfreiheit der Individuen in der unfreien Gesellschaft. Wären die Menschen frei, dann wäre die Kunst Ausdruck und Form ihrer Freiheit."

Kann man damit arbeiten? Sagt das irgend etwas? Wird hier auch nur eine Andeutung gegeben, wie das nun konkret aussähe, wie es zu erreichen wäre? Es ist, man muß es leider sagen, pures Geschwätz.

Und es ist, man muß auch das leider sagen, ein über das Maß des Erträglichen hinaus schlampig gemachtes Buch. Brecht wird aus einem Zeitschriftenartikel von Hermann Peter Piwitt zitiert oder aus einer (meiner) Marxismus-Anthologie; Gorki wird nach Hans-Dietrich Sander zitiert; Adorno-Zitate werden aus "Noten zur Literatur" belegt – da kann man sich dann aussuchen, aus welchem der vier Bände; aus Lucien Goldmans wichtigstem Buch wird französisch zitiert, obwohl es natürlich deutsch erschienen ist – dafür dann wird eine lange Passage von ihm, die gegen Lukács gerichtet ist, als gegen Adorno gewendet interpretiert; zuverlässig belegt sind vor allem Marcuse-Quellen.

Nicht trotz, sondern wegen des großen Respekts vor Herbert Marcuses Lebenswerk: Dieser Text, als Seminararbeit eines Studenten im 6. Semester, wäre zurückgegangen. Sein Wert bestimmt sich durch eine Anekdote des Malers Victor Neep, die der Autor selber referiert: "Wir haben hier diskutiert und sind zu dem Ergebnis gelangt, daß kein Bild irgendeinen Wert hat, wenn es nicht protestiert. ‚Genau‘, erwiderte Victor Neep ohne jedes Zögern. ‚Wie dieses hier‘, und er zeigt ein Stilleben mit Äpfeln von Cézanne. ‚Wogegen protestiert denn das?‘ fragt der Student. ‚Gegen nachlässiges Denken‘, antwortete Neep.‘ "