Seit 1975 muß sich die Nato für ein neues Frühwarnsystem entscheiden, das sechs Milliarden Mark kostet Ein verbindlicher Beschluß über AWACS wurde wieder verschoben. Er soll bis zum 1. Juli endgültig fallen.

AWACS heißt "Airborne Warning and Control System" – ins Deutsche grob übersetzt "fliegendes Frühwarn- und Führungssystem". Es soll nach amerikanischen Vorstellungen aus 27 (amerikanischen) Großflugzeugen mit Radarscheiben für die Nato bestehen, die über Europa, dem Mittelmeer, dem Atlantik und der Norwegischen See den Luftraum dauernd überwachen, senkrecht mit einem breiten Radarkegel aus 4500 Meter Flughöhe nach unten sehen und dabei alle Bewegungen auf dem Meer, am Boden und in niedrigster Tiefflughöhe wahrnehmen.

In 4500 Meter Höhe soll ihr seitwärts sehendes Radar bis etva 400 Kilometer über die Grenze nach Osteuropa hineinreichen. Damit soll dar Nato jederzeit mehr Sicherheit gegen Überraschungsangriffe und Truppenverstärkungen im Osten geboten werden.

Noch sind sich die Experten über den realen zusätzlichen Wert von AWACS für Mitteleuropa nicht einig. Unsicher ist die Überlebensfähigkeit der Flugzeuge in Grenznähe zum Warschauer Pakt oder zur Sowjetunion direkt nach Kriegsbeginn. Sie müßten dann weit nach Westen zurückgezogen werden und würden ihre optimale Radarreichweite auf Osteuropa einbüßen.

Der britische Verteidigungsminister Mulley überraschte seine Kollegen in Brüssel mit der Anregung, AWACS auf zwei verschiedene Flugzeuge zu gründen – auf die amerikanische Boeing und auf die britische Nimrod. Mulley suchte aber auch einen Vorwand, um einen Rückzug Großbritanniens aus dem ganzen Gemeinschaftsprojekt einzuleiten und die 477 Millionen Dollar, die ihm zur Verfügung stehen, für Nimrod und die britische Flugzeugindustrie samt ihren Arbeitsplätzen auszugeben. Die Briten hatten gehofft, daß die Deutschen diesen Vorwand liefern würden, indem sie ihre Zustimmung zu AWACS und den 27 Boeing-Flugzeugen vorenthielten. Georg Leber tat ihm den Gefallen nicht, sondern sagte für seine Person zu, er würde in Bonn die Zustimmung für AWACS einholen, wenn die Konditionen angemessen seien – das heißt, wenn alle sich am Projekt und an seiner Finanzierung beteiligten.

Der amerikanische Verteidigungsminister Brown sagte zu dem möglichen britischen Alleingang: "Wir werden den Europäern die Boeing nicht in den Rachen stoßen, wenn sie AWACS nicht wollen. Das ist ihre eigene Sache."

Wie weit es ihre eigene Sache ist, wird sich bald zeigen, denn das amerikanische Interesse ist unverändert stark. So hatte Präsident Carter AWACS als vierten von zwölf Gesprächspunkten in die Unterhaltung mit Bundesaußenminister Genscher eingebracht.