Von Frantisek Janouch

Keiner unter den Prager Regimekritikern wird von den Sowjets und ihren Handlangern mit solchem Haß verfolgt wie der Reformpolitiker und Arzt Frantisek Kriegel, der eigentliche politische Kopf unter den Unterzeichnern der "Charta 77". Seit Wochen lungern Geheimpolizisten im Treppenhaus vor seiner Wohnungstür herum, jeder Schritt außer Haus wird bewacht; sein Telephon ist gesperrt.

Die Tagesschau des Prager Fernsehens beschuldigte ihn, er habe seine Freunde wie ein Judas verraten – begreiflicherweise, stamme er doch aus dem Geschlecht Judas’. Während der berühmten Zusammenkunft der tschechoslowakischen und sowjetischen Delegationen in Čierná im Sommer 1968 brüllte der ukrainische Parteiboß Schelest über den Tisch, der Jude Kriegel könne ja überhaupt nicht die Tschechoslowakei vertreten. Der stellvertretende Prager Außenminister sprach von ihm als einem "Major der amerikanischen Armee und internationalen Abenteurer". Wer ist eigentlich Frantisek Kriegel?

Im Jahre 1926 ließ sich an der Prager Medizinischen Fakultät ein junger Pole aus Stanislaw immatrikulieren, Sohn einer armen jüdischen Familie. Da für die Universität von Lemberg ein strenger antijüdischer Numerus clausus vorgeschrieben war, versuchte er sein Glück in Prag. Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch Nachhilfeunterricht und Nachtarbeit. 1931 trat er in die Kommunistische Partei ein. 1935 wurde ihm der Titel eines Doktors der allgemeinen Medizin verliehen, im November 1936 folgte er einem Hilferuf der spanischen Republik und zog in den Bürgerkrieg. Im Range eines Arzt-Majors kämpfte er an vielen Frontabschnitten. Als Politkommissar einer der letzten Einheiten, die im Frühjahr 1939 den Rückzug aus Spanien deckten, übergab er spanischen Partisanen die Fahne der Internationalen Brigaden.

Da die Tschechoslowakei bereits von deutschen Truppen besetzt war, konnte Kriegel nicht in seine Heimat zurückkehren. Da erreichte ihn ein Anruf der Komintern, die dringend Medikamente, Ambulanzen und ärztliche Freiwillige für China anforderte, das sich verzweifelt gegen die Japaner wehrte. Mit der ihm eigenen Energie stürzte sich Kriegel in die neue Arbeit – es dauerte nicht lange und er verstand chinesisch. 1942 wurde er auf Anweisung Tschou En-lais in den tropischen Dschungel entstandt, wo nationalchinesische Truppen unter amerikanischem Kommando die Burmastraße nach Indien freikämpfen sollten. So wurde Kriegel Vertragsarzt der amerikanischen Armee. Ein Oberst Brown nannte ihn damals den "tapfersten Mann, den ich überhaupt kenne". Bei einem der Gefechte hat Kriegel 46 chinesische Soldaten behandelt.

Heimgekehrt nach Prag im Dezember 1945, hätte Kriegel mit seinen Erfahrungen ein hervorragender Arzt und Lehrer werden können. Die Genossen überredeten ihn jedoch, sich hauptberuflich der Parteiarbeit zu widmen. 1949 wurde Kriegel stellvertretender Gesundheitsminister, doch schon zwei Jahre später begann die Schnüffelei in seinen Personalakten. 1952 warf man ihn Hals über Kopf aus dem Ministerium hinaus – mühsam mußte er als Werksarzt, später als Assistenzarzt sein Dasein fristen. Nach dem Studium neuer Fachbereiche erwarb er sich wissenschaftliche Würden und eine leitende Stellung am Rheumatologischen Institut in Prag. 1960 ging er für drei Jahre nach Kuba als Berater.

Danach machte er Karriere im Parlament. Als seine Kandidatur im Zentralkomitee erwogen wurde, sagte Kriegel dem Parteichef Novotny ins Gesicht, er werde immer offen und kritisch auftreten. Er hat mitgeholfen, die Nationalversammlung schon vor dem Prager Frühling aus einem Puppentheater in ein wirklich politisches Organ zu verwandeln. Von ihm stammte die ketzerische Ansicht, Abgeordnete seien vor allem ihren Wählern verantwotlich.