Die Normenbücher der Kultusminister: Vereinheitlichung mit verheerenden Folgen

Von Andreas Flitner

Daß der Numerus clausus und die Verfahren zur zentralen Vergabe von Studienplätzen nicht nur die Hochschulstudien berühren, sondern einschneidende Veränderungen im Schulwesen mit sich bringen, ist im vergangenen Jahr an vielen Stellen spürbar geworden. Eine der schwerstwiegenden Entscheidungen im Gefolge des Numerus clausus steht aber noch aus: Die definitive Einführung der sogenannten "Normenbücher" – der Name hat sich eingebürgert an Stelle des offiziellen Titels "Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung". Sie liegen zunächst in einer Erprobungsfassung vor: 15 grasgrüne Hefte (Luchterhand Verlag, Einzelpreis 1,80 Mark), deren freundliches Äußere nicht vermuten läßt, daß sie die rabiatesten Anschläge auf die Freiheitlichkeit und die innere Vielfalt unseres Bildungswesens enthalten. Die Lehrer an Gymnasien und Hochschulen haben sich großenteils noch gar nicht die Mühe gemacht, diese Texte zu studieren und dazu Stellung zu nehmen. Sie sollten es tun, bevor es zu spät ist.

Allerdings wird dem Leser dabei etwas abverlangt. Er muß sich durch eine Mischung von Behördendeutsch und Didaktiker-Jargon hindurchbeißen, der man, wurde sie in einem Abituraufsatz verwendet, die Note "mangelhaft" kaum verweigern könnte. Da gelten, um nur einmal das Normenbuch-Deutsch zu zitieren, die "aufgabenartunabhängigen Anforderungen unter Berücksichtigung der Aussageintention, der Sachangemessenheit, des Adressatenbezugs im Rahmen der Möglichkeiten der Standardsprache". Da geht "in die Bewertung von Leistungen auf den drei Lernzielkontrollebenen jeweils die Beurteilung der allgemeinen Anforderungen als wesentlicher Aspekt mit ein". "Darüber hinaus werden die allgemeinen Anforderungen, um sie im Prozeß der Beurteilung und Bewertung bewußt zu halten, als eigener Aspekt im Diagramm ausgewiesen." Da stehen "für die Gewichtung des Lernerfolgs in den aufgabenspezifischen Anforderungen insgesamt 36 Bewertungseinheiten zur Verfügung", die "innerhalb des Prozesse" der Bewertung eine Quantifizierung der Leistungsbeurteilung ohne Vorwegnahme der Benotung gestatten", und so fort.

Stimmen die Worte nicht, sagt Karl Kraus, kann die Sache nicht starben. Vielleicht haben es die Didaktiker und Curriculumforscher verdient, daß sie mit ihrer eigenen Fachsprache zu Boden geschlagen werden; daß ihre Versuche, den Unterricht in Lernschritte zu zerteilen und aufs genaueste zu rationalisieren, ihnen hier als Zerrbild, als Meßsystem und Prüfungsapparatur wieder vorgehalten wird. Unterricht ist nicht bloß ein technischer Ablauf, den man optieren kann. Unterrichten heißt doch auch: Anregen, Interesse wecken, Verstehen, gemeinsames Suchen, Einführen in die Welt des Geistes. Das haben auch die Curriculum-Planer vergessen machen. Sonst wäre man auf die Idee einer solchen Nominierung des Unterrichts – gerade in der Oberstufe, wo die geistige Auseinandersetzung erst recht beginnen soll – wohl gar nicht verfallen.

Aber wie kommt es denn eigentlich zu dieser Nominierungsaktion? Was sticht die Kultusminister, ihre ängstlich gehütete Länderhoheit plötzlich zu opfern und einen Normierungsprozeß einzuleiten, der nach und nach das ganze Schulwesen durchdringen muß?

Die Kultusminister berufen sich auf das Verfassungsgerichtsurteil zum Numerus clausus von 1972 und behaupten, daß darin die Herstellung vergleichbarer Abituranforderungen verlangt werde. Das ist in dieser Form nicht richtig. Den entscheidenden Schritt zur Zerstörung des Abiturs als einer vielseitigen Gesamtentscheidung über die Hochschulreife haben die Kultusminister selber getan, indem sie begonnen haben, dort, wo der Hochschulzugang eingeschränkt werden mußte, die einzelnen Abiturnoten zu einem Punktsystem zu verrechnen und damit Abiturzeugnisse verschiedener Wertigkeit zu schaffen. Sie sind vor diesem Verfahren nicht nur von pädagogischer Seite mehrfach gewarnt worden: das bundesdeutsche Schulsystem ebenso wie sein Benotungswesen geben eine solche Abstufung einfach nicht her. Auch das Verfassungsgericht hat darauf hingewiesen, daß dieses Verfahren bei der jetzigen Vielfalt des Abiturs nicht legitim sei, und es hat auch seine Zweifel daran geäußert, daß die Vergleichbarkeit von Abiturnoten überhaupt hergestellt werden könne. Die Kultusminister haben an ihrem Weg festgehalten. Sie haben um Bonus und Malus gegeneinander prozessiert, haben im Hochschulrahmengesetz versucht, die Grundlagen für ihr Zulassungsverfahren zu sichern, und wollen jetzt, mit Hilfe der Normenbücher, ihre Abiturprüfung vereinheitlichen und damit die Notenrechnerei legitimieren. Dabei gehen sie von der abenteuerlichen Vorstellung aus, es könnten die Prüfungsanforderungen normiert und trotzdem an der Vielfalt und Selbständigkeit der Lehrpläne festgehalten werden. Im Vorspann der Normenbücher wird in aller Bescheidenheit der Anspruch erhoben, eine Art Quadratur des Kreises gefunden zu haben: Prüfungsanforderungen werden im allgemeinen so beschrieben, daß sie in einem engen Zusammenhang mit den Lehrplänen stehen für die Bildungsgänge, die mit der Prüfung abgeschlossen werden. Im vorliegenden Fall mußte jedoch angestrebt werden, die Prüfungsanforderungen zu vereinheitlichen, ohne gleichzeitig curriculare Angaben in Form eines Lehrplans festzuschreiben. Die Lehrpläne bleiben den Ländern vorbehalten.