Von Dietrich Strothmann

Alles noch einmal: Wie Göring prahlte ("Die Suppenhühner" – gemeint waren die Zeugen der Anklage – "dürfen noch einmal gackern, den Amerikanern ein Ei legen, und dann kommen auch sie in den großen Topf"); was Hans Frank, Mordchef im "Generalgouvernement", und Generaloberst Alfred Jodl lasen (Franz Werfel der eine, der andere Wilhelm Raabe); wie Streicher zur Hinrichtung geführt wurde (in Unterhosen und "Heil Hitler" schreiend); was Kaltenbrunner unter dem Galgen rief ("Deutschland, Glück auf!") und Seiß-Inquart ("Mit unserer Haltung helfen wir, die Zukunft unseres Volkes wiederaufzubauen.").

Die Zeiten sind darüber hinweggegangen, dreißig lange Jahre. Wer auch, außer den überständigen Unbelehrbaren, kann sich darüber noch ereifern, daran noch erzürnen, daß dieser Nürnberger Prozeß ein Tribunal der Sieger war, ein zweifelhafter Gerichtstag über die Besiegten, über 21 von ihnen immerhin nur (der 22. Angeklagte, Martin Bormann, wurde "in Abwesenheit" zum Tode verurteilt)?

An die siebenhundert Bücher sind seit dem Ende dieses Verfahrens darüber geschrieben worden. Es sollte genug sein. Und es kann doch nicht genug sein – wenn zum Beispiel neue Quellen auftauchen, frisches Material verarbeitet wird, wie bei dem amerikanischen Historiker Bradley F. Smith. Ihm standen die Tagebücher des amerikanischen Chefrichters Francis Biddle, der US-Ankläger William Donovan und Murray C. Bernays zur Verfügung. Dabei sind nicht die "ewigen", alten Fragen von Bedeutung: Ob es rechtens war, daß es dieselben sein durften, die das Londoner Statut als Prozeß-Grundlage verfaßten und dann als Richter oder Anwälte fungierten? Ob es gerecht war, daß sich die Angeklagten nicht auf Befehle ihres "Führers" berufen durften und schon gar nicht auf die Verbrechen anderer, etwa den Massenmord von Katyn, den Angriffskrieg Stalins gegen Polen im Verein mit Hitler oder auf Churchills Anweisung zur Landung in Norwegen und Griechenland? Ob es, vor allem anderen, angemessen war, Strafgesetze im Nachvollzug (ex post facto zu erlassen und nach ihnen über Tod oder Leben zu entscheiden?

Was Smith zum erstenmal und zwingend belegen kann, ist das Handeln und Feilschen, das oft Grausig-Justizkomödiantische, das sich in der Richterkammer hinter geschlossenen Türen zutrug: Wer sollte warum vom Leben zum Tod befördert werden, wer statt zu zehn zu dreißig Jahren Haft verurteilt werden, wer wieso freigesprochen und nicht verurteilt werden? Ein aufregendes, weil zuweilen auch beschämendes und gerade darum "menschliches" Stück Geschichte der Rechtsfindung über ein Stück Geschichte des Unrechts, das damals so unvorstellbar erscheinen mußte, wie es heute, wo wir viel mehr davon wissen, wissen können, noch immer unfaßbar ist. Smith hat also – und nicht nur noch einmal – ein aufklärendes Kapitel über Nürnberg geschrieben; ein Kapitel damit auch über einen historischen Abschnitt des Rechtes, das freilich unbefolgt geblieben ist, das schon damals, als eigenmächtiges Siegerrecht, nicht in jedem Fall "gerecht" war, es wohl auch gar nicht sein konnte.

Smith selber urteilt darüber, daß ein Papen freigelassen, ein Sauckel aber gehängt wurde: "Der heruntergekommene Straßenräuber wird eingesperrt, der gebildete Straftäter kommt ungeschoren davon. Dies ist bedauerlich, man darf aber dem Gericht von Nürnberg nicht vorwerfen, was anderwärts für ein gerechtes Verfahren durchgeht." Zu Rudolf Heß befindet er, der "Stellvertreter" sei "das Opfer zweideutiger Maßstäbe" geworden (hinter seinem England-Flug argwöhnten die Sowjets ein deutsch-westalliiertes Komplott gegen sie; darum lassen sie ihn auch heute nicht los). Und außer über die Fehlurteile zu Raeder und Dönitz erzürnt sich der Amerikaner Smith vor allem noch, zu Recht, über dieses schier unglaubliche Versagen der Richter und Ankläger: "Auch drei Jahrzehnte später hat es den Anschein, als habe der Prozeß von Nürnberg kein ausreichendes Symbol der Sühne für den Massenmord an Juden gesetzt, und zwar zum Teil darum nicht, weil die Richter einen Rudolf Höß (den Auschwitz-Kommandanten) im Zeugenstand hörten, um einen Julius Streicher (den Stürmer-Herausgeber) aufs Schafott schicken zu können."

Die überforderten, nicht so völlig unabhängigen Rache-Richter von Nürnberg, die den "gewöhnlichen Menschen" Fritz Sauckel, den Proletarier und "Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz" von über fünf Millionen Gepeinigten, hängen ließen, den "geschmeidigen" Albert Speer dagegen, der Sauckels "Fremdarbeiter" und KZ-Häftlinge für seine Rüstungsproduktion benutzte, in die Zelle von Spandau schickten? Jenen Speer eben, der angeblich zwar nichts über die infernalischen Zustände in den Konzentrationslagern wußte, der indessen den Amerikanern rechtzeitig seine vermeintlich unschätzbaren Dienste angeboten hatte.