Die Kostbarkeiten in den Dimensionen der Bescheidenheit

Von René Drommert

Natürlich nehme ich an, daß der Leser nicht erst "verführt" werden muß, sich überhaupt mit Kunst zu beschäftigen. Immerhin will ich aber versuchen, ihm. eine bestimmte Galerie als verlockend zu schildern, die "Gemäldegalerie Alte Meister" im Kasseler Schloß Wilhelmshöhe. Von den rund 600 zum Teil prunkhaften, die Augen betörenden Gemälden (die aus der einstmals landgräflichen Sammlung stammen, die sich im übrigen aus den Neuerwerbungen seit 1866 und zahlreichen Leihgaben rekrutierten) will ich einen winzigen Teil herausgreifen. Ich will kurz erklären, wie es mir bei der genaueren Betrachtung einiger Bilder erging, und ich hoffe, warum das verschweigen, unter einigen Lesern – so etwas wie Partnerschaft zu finden: Leser, die mir beipflichten, wenn ich behaupte, daß die intensive Beschäftigung mit wenigen Werken größeren Gewinn bringt als die flüchtige Beschäftigung mit vielen Bildern: Das Defilieren vor Hunderten von Kunstwerken in kurzer Zeit ist nicht viel gehaltvoller als das Abschreiten einer Ehrenkompanie beim Besuch eines ausländischen Staatspräsidenten.

Ich gehe auf Rembrandt zu. Die Kasseler Rembrandts, 19 an der Zahl, gehören ja zu den wichtigsten Kollektionen in den gesamten deutsch-deutschen Landen. Aber ich suche mir (was nicht verwerflich wäre) keineswegs die berühmtesten aus, nicht die "Saskia" von 1633/34, nicht "Jakobs Segen" von 1656, nicht den "Apostel Thomas" ("Bildnis eines Architekten") von gleichfalls 1656.

Das eine Bild, genannt "Die Heilige Familie mit dem Vorhang", aus dem Jahre 1646 (als Rembrandt es malte, war er 40 Jahre – alt), ist auf Holz aufgetragen, es ist nur 45 cm hoch, nur 67 cm breit. Auf der linken Seite, vor einem Alkoven, sitzt keine irgendwie betonte, durch Goldgrund, Heiligenschein, kostbares Gewand, Thron oder hinknieende Anbeter hervorgehobene Person, da sitzt eine simple, kleinbürgerliche Holländerin (es ist doch eine?), sie hat nichts Außergewöhnliches an sich. Sie beugt sich ein wenig vor, auf dem zwischen ihren Knien gespannten Tuch steht ein Knäblein. Ihre Hände faltet sie, so das Kind schützend und an sich ziehend, um seinen Po. Sie lächelt nicht, sie sieht den Kleinen nicht an, sie scheint nachdenklich zu sein.

Das Kind nun, das, nach den Auskünften, der Bibel, wenige Jahre später eine abwegig denkende und handelnde Menschheit aufrütteln und neue Zeichen setzen sollte, hat keine hervorstechenden Merkmale, so sehen Millionen Kleinkinder aus. Ja, mit dem geöffneten Mündchen und der herunterhängenden Unterlippe wirkt es eher. dürftig. Da entdeckt man auf dem Bilde nichts als Gewöhnlichkeit, Bürgerlichkeit, Durchschnittlichkeit. Und doch auch dies: eine rührende, faszinierende Mutter-Kind-Beziehung, weltverlorene, selbstverständliche, apodiktische Zärtlichkeit.