Diese Auffassung ist wohl zutreffend, was im Spätwerk den Zuwachs an Wissen angeht und an jener Heiterkeit, die bis in den Bezirk tragischen Humors reicht. Aber sie. stimmt nicht, das eben lehrt uns das frühe Kasseler Porträt, was die spekulationslose Selbstdekuvrierung betrifft: Die war schon beim Zweiundzwanzigjährigen voll ausgebildet. Sie ist kein Produkt der Reife, des Alters, sie gehört zu Rembrandts Wesen, sie ist ihm in die Wiege gelegt. Sie ist ein Ausdruck seiner generellen Vorurteilslosigkeit, ohne die er gewiß nicht alles hätte in den Griff bekommen können: Gesichter, Szenen, Schicksale, Träume, Landschaften, biblische Geschichten und Visionen. Um 1628 setzt nicht etwa erst zaghaft ein Leitmotiv ein, das man Selbstkritik nennen könnte. Der Blöderjan ist bereits das vollkommene Präludium der auf Trutzigkeit und Selbstherrlichkeit so mühelos verzichtenden späten Bekenntnisbilder. Ein verblüffendes Phänomen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Mir scheint das Kasseler Bild auch die weitverbreitete Auffassung zu widerlegen, derzufolge der junge Rembrandt in seinen Selbstporträts nur eitel paradiert: sich als Offizier geriert, wo er sich mit kostbaren Gewändern drapiert, mit Gold und Edelsteinen schmückt, sich zeigt gar mit dem stolzen Gehabe eines exotischen Prinzen. Solche Porträts gibt es. Aber all dies ist in Wirklichkeit auch demonstratives Theater, es ist auch ein Versteckspiel, kein Täuschungsmanöver jedenfalls.

Zugleich ist es auch etwas anderes, ist von grundlegender Bedeutung. Es ist ein Versuch, eine spielerische Aventüre: Rembrandt lotet die eigenen psychischen Möglichkeiten aus, er erkundet den Habitus einer ganz anderen, ihm entgegengesetzten Welt. Könnte ich mich dort, wenn ich wollte – so fragt er. sich gleichsam – auch zurechtfinden und behaupten?

Und nun wollen wir zum letztenmal einen Blick auf das Bild von 1627/28 werfen. Das Ausloten der psychischen Möglichkeiten, der Versuch, sich in einem ihm selber nicht (dauernd) eigenen Habitus zu behaupten, geht in zwei Richtungen vor sich, in "positiver" und "negativer", in Richtung Angeben, Aufplustern, Wichtigtun, Eiteltun (nicht Eitelsein) und in umgekehrter Richtung, in Richtung Kümmerlichkeit, Dürftigkeit, Beschränktheit. Der zurückgebliebene junge Mann ist das Zeugnis des auf Selbsterkenntnis bedachten Auslotens Rembrandts.

Bewundernswert ist dabei nicht nur das Maß der Selbstkritik, ihre Unbegrenztheit, sondern das damit verbundene einkalkulierbare Risiko. Der Maler mußte doch damit rechnen, daß viele Betrachter den Dargestellten für bare Münze nehmen würden, als ein Zeugnis der Identität mit der Wirklichkeit, nicht als das, was es ist: ein Zustand bloß der Metamorphosen des Künstlers, ein Sonderfall innerhalb des Reichtums seiner Variationen.

Das Leben ungeschminkt, abgeschminkt, nicht enträtselt. "Es ist das Wesen des Lebens", schrieb der Philosoph Georg Simmel in seinem Rembrandt-Buch, "daß sein eigentliches Verständnis ausbleibt, solange man es nur seinen, gleichsam unter sich bleibenden Klarheiten abverlangt, und daß es für den beschauenden Blick nur hell wird, wenn seine Klarheiten sich aus seinen Dunkelheiten, die auch Dunkelheiten bleiben, entwickeln."