Von Helmut Schneider

Der Vorschlag, Baden-Württemberg in Staufen oder Stauferland umzubenennen, klingt aprilscherzverdächtig, war jedoch ernsthaft gemeint – eine Gedankenstickerei, ausgelöst durch die im deutschen Südwesten derzeit epidemisch wütende Stauferitis. Der Ausbruch dieser ebenso harmlosen wie hartnäckigen Nostalgiegrippe wiederum hängt ursächlich zusammen mit den Feiern zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Bundeslandes Baden-Württemberg, einem Ereignis,? das offenbar Zweifel an der einheitstiftenden Wirkung des Bindestrichs hat aufkommen lassen. Und so sucht das jubilierende Staatsgebilde seine Identität nicht in der Gegenwart, sondern in der Geschichte. – In der Vergangenheit des Herzoge tums Schwaben, das beide Landesteile territorial vereinigte – der Hinweis darauf wird allerdings tunlichst vermieden, des Reizwortes Schwaben wegen.

Friedrich von Staufen, auf dem Familienstammbaum als Mitglied der sechsten Generation ausgewiesen, jedoch derjenige, der die Burg Staufen erbaute und damit der Familie ihren Namen gab, erhielt im Jahr 1079 von Kaiser Heinrich IV. das Herzogtum Schwaben zum Lehen. Von da an bis 1268, dem Jahr, in dem Karl von Anjou König Konradin in Neapel enthaupten ließ, waren die Staufer Herzöge von Schwaben, und mehr: deutsche Könige und römische Kaiser, die sich zum Teil weniger um ihr Stammland kümmerten, dafür aber Weltgeschichte machten. Es ist also durchaus legitim, wenn das Land Baden-Württemberg die staufischen Herzöge für seine eigene Geschichte in Anspruch nimmt. Fragwürdig ist nur der Versuch, die Staufer schlechthin für einen imperialen Entwurf der Landesgeschichte zu vereinnahmen – und gerade diesen Eindruck vermeidet jene Veranstaltung nicht, die der sichtbare Höhepunkt des zur Stauferfeier erklärten Jubiläums ist, die Suttgarter Ausstellung "Die Zeit der Staufer – Geschichte, Kunst, Kultur".

Die zweigeteilte Ausstellung (Staufisches im Baden-Württembergischen Landesmuseum, Staufererinnerungen der Nachwelt im Württembergischen Kunstverein) leistete der Glorifizierung der entfremdeten Landeskinder keinen Vorschub, sie argumentiert sachlich. Die für die Konzeption verantwortlichen Wissenschaftler haben das ihnen Mögliche getan, die Darstellung der Stauferzeit von Emotionen freizuhalten. Sie konnten dennoch nicht verhindern, daß die Ausstellung in einer mächtig gefühlsbewegten Atmosphäre stattfindet. Damit ist nicht die nationale Rührung gemeint; die auch einen wack’ren Schwaben nach übermäßigem Zuspruch zum Staufer-Bier (das gibt’s) übermannt, sondern das in tagespolitischer Münze sich auszahlende Staufer-Pathos der Landesregierung. Die baden-württembergische CDU hat bereits im Landtagswahlkampf 1976 den Stauferlöwen als Emblem benutzt, damit eine Brücke geschlagen zwischen dem alten Guten und dem guten Alten. Die mit einem feierlichen Staatsakt eröffnete Ausstellung dient dem gleichen Ziel: der Legitimierung konservativer Politik durch den Rückgriff in die Geschichte.

Ersatzerlebnis vor Kunstersatz

Bedenkend, daß der eine oder andere Besucher den Kaiser Rotbart vielleicht nur von Weinetiketten her kennt und Bouvines für den Namen eines Camembert hält, haben die Veranstalter besondere Sorgfalt darauf verwendet, die notwendige Hintergrundinformation mitzuliefern. Die didaktische Aufbereitung der Ausstellung ist, für sich betrachtet, hervorragend gelungen. Ausführlich und dennoch nicht geschwätzig wird auf Schautafeln von Leben und Taten der Herrscher berichtet, der staatliche Aufbau des Reiches und die Gliederung seiner Ordnungen erklärt, auf das literarische Schaffen, die Frömmigkeit und das Weltbild der Zeit hingewiesen.

Nur, wer soll das alles lesen? Grob überschlagen, braucht der Besucher allein für den historischen und kulturhistorischen Kurzlehrgang am Beginn der Ausstellung etwa soviel Zeit wie er sich für die Ausstellung insgesamt wohl ausgerechnet hatte. Der Erwerb einer Dauerkarte ist dringend zu empfehlen. Einmal-Besuchern mache ich den Vorschlag, zunächst die Multivisionsschau (Staufer im Zeitraffer) zu betrachten und dann, beherzt, nur nach rechts und links blinzelnd, an den Textwänden vorbei auf die immer wieder dazwischen eingebauten Vitrinen mit originalen Objekten zuzusteuern. Da sind Kunstwerke im Miniaturformat – Wachssiegel, vielfach noch mit den dazugehörigen Urkunden, und Goldbullen, kaiserliche Diplome auf Pergament geschrieben, Münzen. In solchen Gegenständen werden Machtausübung und Rechtsordnung der Stauferzeit unmittelbar anschaulich, wenn auch nicht verständlich. Eine eindrückliche Vorstellung von der damaligen Kriegsführung geben dagegen die Ritter-Aquamanilien (Gießgefäße in Form von gepanzerten Reitern) – Sergej Eisenstein, der in "Alexander Newsky" mit durchaus propagandistischer Absicht solche Schlachtungetüme höchst unsympathisch vorführte, hat offensichtlich nicht übertrieben.