Fast ein Skandal. Gerade für die Verehrer Ivan Nagels, seiner Lucidität und Dialektik, ist diese Aufführung ein Ärgernis. Sie hätte nicht stattfinden dürfen.

Was ist geschehen? Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das schon immer eine fatale Neigung zu britischen Boulevard-Komödien ("Equus", "Das indische Halstuch") zeigte, hat das neueste Stück des englischen Dramatikers Tom Stoppard ("Akrobaten", "Travesties") zur: Uraufführung angenommen: "Ignoranten". Regie führte Harald Mey, der in den frühen fünfziger Jahren im Ruf stand, ein "Boulevard-Spezialist" zu sein. Wieder hat die Schauspielhaus-Dramaturgie schändlich versagt: Statt die Aufführung mit Einsatz aller geistigen und notfalls auch leiblichen Kräfte zu verhindern, statt den Skandal zu vermeiden, hat man an ihm mitverdient, hat das Nicht-Stück in ein holpriges Theater-Deutsch übersetzt. –

"Ignoranten" ist ein neues Exemplar (das wievielte eigentlich?) einer in England ungeheuer beliebten Gattung, der Intellektuellen-Satire. Intellektuelle (oder was die Autoren dafür halten) sind in diesen Stücken sehr traurige Figuren: redselig, sentimental, neurotisch, fast immer impotent. Sie tun nichts, statt dessen machen sie Bonmots. Es fällt ihnen zu nichts mehr was ein. Es fällt ihnen zu allem ein Witz ein. Welch ein Stoff für eine Komödie! Die britischen Dramatiker aber vertun ihre Chance – weil sie genau dieselben Defekte haben wie ihre Figuren, weil sie sich ständig verpflichtet fühlen, Pointen zu machen. Sozialkritik? Ach was, langweilige Tautologien: Stücke, die immer nur Witze machen, mokieren sich über Leute, die immer nur Witze machen.

Waren bisher (in Simon Grays "Butley", in Stoppards "Akrobaten") vornehmlich Akademiker Zielscheibe für Spott und Menschenverachtung, so sind in den "Ignoranten" endlich neue Opfer gefunden: Journalisten. Genauer: jene Sorte von Journalisten, denen Stoppard in alter Feindschaft zugetan ist – Kulturjournalisten. Der Autor führt uns eine Gruppe von intellektuellen Jammergestalten vor – und hat auch noch die Frechheit, zu behaupten, es handele sich um Angestellte einer äußerst seriösen, erfolgreichen Zeitung. Hauptdarsteller (und meist Alleinunterhalter) ist der Leiter des Kulturressorts: eine Figur, wie wir sie aus tausend (besseren!) Salonkomödien kennen. Er redet alle Leute in Grund und Boden und findet sich fabelhaft dabei. Sein Lieblingsvergnügen ist es, mit Schriftstellern zu frühstücken, mit Schriftstellern zu Mittag, zu essen, mit Schriftstellern Tee zu trinken, mit Schriftstellern zu dinieren – und dabei die Schriftsteller in Grund und Boden zu reden. Wie dieser vielgeplagte, zwischen Champagners; Frühstück, Kaviar-Lunch und großem Abendessen hin- und herhastende Mensch seine (umfänglichen) schriftlichen Arbeiten erstellt hat, ist völlig rätselhaft.

Immerhin: Stoppards Hauptfigur, ist für ein paar (billige) Lacher gut. Die Leute um ihn herum, seine sogenannten Mitarbeiter, spotten fast jeder Beschreibung: der Filmkritiker malträtiert seine Kollegen (und das Publikum) mit minuziösen Berichten von seinen (natürlich erfolglosen) Schlankheitskuren; als in einer seiner Kritiken einmal eine einzige Zeile gestrichen werden soll, kullern ihm dicke Tränen die Backen hinab. Der Musikkritiker interessiert sich schon seit Jahren nicht mehr für Musik – er sieht lieber fern. Souveränität seiner Profession gegenüber demonstriert er damit, daß er bei kulturellen Streitgesprächen friedlich einnickt. Der albernste von allen ist natürlich der Theaterkritiker: ein rundum klägliches Kerlchen. Wenn er sich mal aufregt, zerreißt er Papier in kleine Fetzen und frißt sie anschließend auf. Seine Theaterkritiken sind so lang und so geschwätzig, daß er selber seit langem sein einziger Leser ist. So witzig ist Stoppard.

Welche Chance, ihr Herren in Hamburg, wurde hier vertan! Statt amüsant und böse, unterhaltlich und beiehrsam über Mißstände im Kulturjournalismus aufgeklärt zu werden (jawohl, es gibt solche Mißstände!), sah sich der Betrachter im Parkett den dürftigsten Witzen, den niederträchtigsten Tiefschlägen ausgesetzt. Welche Chance: statt ein Bild der bösen Realität zu zeichnen (jeder weiß doch, daß Kritiker immer nur das schreiben, was ihrem Verleger gefällt), zeigt Stoppard Zerrbilder vor, in denen sich niemand wiedererkennen muß.

Fast ein Skandal. Das Hamburger Publikum erteilte dem Abend die gebührende Abfuhr. Als der Intendant beim zweiten Vorhang auf die Bühne eilte, um den Beifall entgegenzunehmen, war derselbe soeben verstummt. Doch es gibt auch gute Nachricht aus dem Schauspielhaus: noch im April wird Peter Zadek "Peterchens Mondfahrt" inszenieren. In der Titelrolle: das bayrische Allroundgenie Herbert Achternbusch. Dann wird das Theater wieder ein großes, gefährliches Abenteuer sein. Dann werden wir wieder lustvoll in Abgründe blicken, in die Märchen- und Horrorwelt unterhalb unserer Schädeldecken. Dann wird das Chaos poetisch und die Poesie chaotisch sein. Dann ist das Debakel mit den "Ignoranten" vergeben und vergessen.

Benjamin Henrichs