Von Brigitte Zander

Es muß kurz nach Mitternacht sein. Jemand schleicht vor der Tür herum. Ein Schloß klappt zu. Ich schrecke aus dem Federgebirge eines etwas kurz geratenen Schlafgestells auf – und da fällt es mir wieder ein: Es ist der nächtliche Routinegang der Bäuerin zu Lotte, die ihr achtes Kalb erwartet. Bald darauf klopft es an meine Schlafzimmertür. Es ist nicht einmal halb sechs. Und dunkel. Doch der Arbeitstag auf dem "Bodenhof" im Villgratener Tal am allerletzten Ende der Osttiroler Welt hat begonnen.

Ich hatte den Weckruf bestellt. "Gewöhnlich stehen die Gäst’ erst gegen neune auf", hatte die Bäuerin Anna Weitlaner beim ersten Plausch unterm Herrgottswinkel in der Stube erzählt, "die woll’n sich ja erholen." Doch mindestens einmal macht in der Regel auch der faulste Urlauber den Versuch, das so gesunde Leben auf dem Land ganz realistisch kennenzulernen: Weit vor Sonnenaufgang steigt er dann ungewaschen in seine ältesten Jeans, um im versöhnlich-warmen Stall einem zweigehörnten Huftier namens Blase scheu die Nasenfront zu tätscheln, der unförmig gewordenen Lotte ein Extra-Büschel Heu in die Futterkrippe zu schieben, leicht naserümpfend den Appetit der Schweine auf ein spülwasserähnliches Suppengemisch zu beobachten und schließlich die Abnahme warmer, fetter und durch keinerlei Hygieneverfahren verfälschte Milch mitzuerleben.

Winterurlaub auf einem bescheidenen Bergbauernhof im abgeschiedenen Tiroldörfchen Außervillgraten. – Was treibt einen von allen zivilisatorischen Annehmlichkeiten verwöhnten Großstädter in ein solches Abenteuer? Die wohltuende Preisgestaltung für Bett und Eierfrühstück? Die hochgepriesene Landluft? Der Auslauf für die Kinder, mit garantiertem Tierkontakt? Oder inzwischen aus der Mode geratene Nostalgiegefühle, gepaart mit der Sehnsucht nach einem gründlichen Tapeten wechsel? Ich jedenfalls wollte heraus aus der Gewohnheit: eine Woche ganz anders leben.

Diesen Ferientraum erfüllt der "Bodenhof" – auch, wenn er in der Fremdenverkehrsliste der rund drei. Dutzend Bauernhöfe mit Gästebetten im Tal durchaus in der Komfortkategorie rangiert. Es gibt fließend Wasser im Zimmer, gleich nebenan im ausgebauten Scheunendachboden eine Toilette, die nicht mehr nach dem simplen Fallsystem funktioniert und auch ein gekacheltes Winkelchen mit einer Badewanne – neben den Heubergen.

Daß das Badevergnügen allerdings seit einigen Wochen nicht mehr stattfinden konnte, das lag an dem außergewöhnlich kalten Winter, der das zuständige Wasserrohr platzen ließ.

Die Minusgrade sind auch schuld daran, daß das neue WC nachts nur in Notfällen frequentiert wird. Denn wer mag schon sein Bett verlassen, um durch frostige Flure zu wandern? Genau besehen gibt es nur zwei Wärmequellen im Haus – wenn man vom Kuhstall absieht: Der alte Kachelherd in der "Küchel" (wie die Villgratener die Küche nennen) mit eingebautem Warmwasserabteil und der wuchtige weißgestrichene Stubenofen, der jeden Morgen um fünf von der alten Tante mit Holzklötzen neu entfacht wird. Dazwischen liegen in diesem typischen Hochpustertaler Mittelflurhaus des 18. Jahrhunderts verschwenderische Quadratmeter Flur – eine immer kühle Auslauffläche die man als wärmeverwöhnter Städter nur eiligen Schrittes durchmißt; besonders, wenn zehn oder sogar zwanzig Grad Kälte Eisblumen an die winzigen Doppelfenster malen.