Ein Handbuch dokumentiert das Versagen der Schule in der "Sexualerziehung"

Von Karlheinz Lutzmann

Vor beinahe einem Jahrzehnt entschlossen sich die bundesdeutschen Kultusminister und Schulsenatoren, einem bis dahin arg vernachlässigten, wenn nicht gar unterdrückten Unterrichtsgebiet zu allgemeiner pädagogischer Anerkennung zu verhelfen. Ihre "Empfehlungen zur Sexualerziehung in den Schulen", am 3. Oktober 1968 beschlossen, setzten unter eine jahrzehntelang verhalten, seit Mitte der sechziger Jahre hitzig geführte Diskussion einen vorläufig gen Schlußstrich. War damit auch die große Debatte zwischen revolutionär argumentierenden und zeitweilig auch so agierenden linken Schülergruppen und der etablierten Schulbürokratie beendet, so sind die "Empfehlungen" bis heute ein schulpolitisches Werk ohne Zukunftsperspektive geblieben. Sexualerziehung, so läßt sich unschwer allerorts feststellen, ist in den Schulen zwar erlaubt, aber in einem Jahrzehnt nicht aus dem Stadium des zaghaften Experiments hinausgekommen.

Längst vorbei ist die Epoche der von sexuellen Themen provozierten Schulskandale. Die Zeit, als überall Elternproteste gegen den aufklärerischen Impetus der Schule aufflackerten, gehört ebenso der Vergangenheit an wie die Springflut der Schülerresolutionen, die der Schule ein sexualpädagogisches Engagement abforderten. Der einstige Anspruch der Sexualpädagogik, emanzipatorischer Motor der Schulreform überhaupt zu sein, wurde begraben. Die traurige Hinterlassenschaft dokumentiert der Band –

"Sexualerziehung als Unterrichtsprinzip – Empfehlungen, Richtlinien, Stellungnahmen", herausgegeben von Norbert Kluge; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1976; 493 S., 91,– DM (Mitgliederpreis 52,– DM). An wissenschaftlicher Akribie läßt Kluges Handbuch kaum etwas zu wünschen übrig. Es enthält nicht nur eine vollständige Sammlung aller Richtlinien der Bundesländer (bis Ende 1975), sondern präsentiert auch Kommentare und Kritiken, die zuvor über zahlreiche Fachzeitschriften verstreut waren. Besonders verdienstvoll: daß Kluge einige programmatische Entwürfe zur Sexualpädagogik, die vorher nur Eingeweihten zugänglich waren, in das Handbuch aufgenommen und damit vor dem Vergessen bewahrt hat.

Verwirrende Empfehlungen

Dokumente wie die bereits 1949 in Hamburg von der "Arbeitsgemeinschaft für Sexualpädagogik" herausgegebenen Richtlinien, die Berliner Richtlinien von 1959 oder die hessischen von 1967 machen denn auch deutlich, daß die "Empfehlungen" der Kultusminister von 1968, so Kluge, keineswegs eine "Pionierleistung westdeutscher Schulpolitik waren. Auch bei gutwilliger Beurteilung können sie nicht als "Magna Charta" der Sexualpädagogen gelten, haben sie doch "gleich zu Beginn schulischer Sexualerziehung die Chance einer fortschrittlichen Neukonzeption verpaßt". Ihrer Hauptaufgabe, Sexualerziehung in der Schule rechtlich abzusichern und Leitlinien für eine bundeseinheitliche Regelung zu liefern, wurden sie von Anfang an nicht gerecht.